Wir stehen am Anfang zu etwas Großem. Das jedenfalls möchte ich dieser Tage glauben. Mit dem Corona-Virus ist uns ein Bote erschienen, der uns deutlich macht, dass unsere vermeintliche Sicherheit keine ist. Uns wird deutlich vor Augen geführt, dass wir anfällig sind von Grund auf. Unsere Wirtschaftssysteme sind nicht annähernd so stabil (und bedeutsam), wie wir gedacht haben oder man uns glauben machen wollte. Die Politik der Welt zeigt sich besonders in den Staaten unfähig, die von Populisten regiert werden. Und es entwickeln sich plötzlich in großer Breite zwischenmenschliche Bewegungen, die wir schon lange nicht mehr für möglich gehalten hätten.

Ich frage mich natürlich, ob diese Entwicklungen nachhaltig sein können. Was passiert, wenn die Wirtschaft irgendwann nicht mehr zu stützen ist und zusammenbricht? Werden wir aus den Erfahrungen, dass die globalisierten Wirtschaftskonstrukten und Lieferketten aus empfindlichen Glas gebaut sind, die richtigen Schlüsse ziehen? Oder werden wir uns - und damit meine ich Wirtschaft und Menschen - nach Corona wieder zurück lehnen und lassen alles wieder so werden, wie es war?

Systemrelevanz

Dieser Tage zeigen sich für mich ganz wesentliche Dinge nicht nur in meiner Wahrnehmung, sondern in der Wahrnehmung aller. Die „systemrelevanten“ Berufe sind nicht die Investment-Banker oder die Autobauer oder irgendwelchen Vorstände. Die wichtigen Berufe finden sich dort, wo Menschen ausschließlich für andere Menschen ihre Kraft und ihre Energie einsetzen: In Krankenhäusern, in der Betreuung alter Menschen und den Arztpraxen, in den Streifenwagen und auf den Polizeirevieren. Die Menschen bei der Feuerwehr und anderen Hilfsorganisationen. Die Menschen, die die Supermärkte beliefern und die Regale einräumen, um damit dem völlig außer Kontrolle geratenen Panikkaufverhalten ihrer Mitmenschen ein Ventil zu geben. Wir spüren mit jedem zusätzlichen Tag, den diese Zustände andauern, dass ein Leben ohne den protzigen Geldadel und die kapitalistischen Großmächte problemlos möglich sein kann. Aber ohne diejenigen, die auch jetzt noch jeden Tag zur Arbeit gehen, geht gar nichts mehr.

person schiebt rollstuhl mit altem Menschen
Foto: truthseeker08 on pixabay.com

Wir stehen an einem Scheideweg und der Punkt ohne Rückkehr kommt näher. Es braucht einen massiven Ruck, um eine Gesellschaft zu verändern. Wir haben uns in einem System einlullen lassen, dass uns Wohlstand und Sicherheit versprach und uns schrittweise versklavt hat, ohne dass wir es haben merken wollen und uns dagegen gewehrt haben. Wir haben uns mit den Früchten des Wohlstands zufrieden gegeben, der auf dem Rücken unserer Gesundheit, unserer Freiheit und unseres Menschseins für eine Handvoll Menschen geschaffen wurde, die inzwischen gar nicht mehr wissen, wohin mit dem ganzen Reichtum.

Die sitzen jetzt genauso eingesperrt in ihren - sicherlich viel größeren - vier Wänden. Aber wir brauchen sie nicht. Die auf ihrem Geld sitzen und sich von der Gesellschaft isolieren, um bloß nicht mit der armseeligen Gegenwart des Fußvolkes konfrontiert zu werden, haben schon längst den Gesellschaftsvertrag verlassen. Ganz so wie die Feudalherren im Mittelalter, die im Luxus schwelgten, währen die Bauern verhungerten. Wir haben eine sagenhafte Chance, diesen Ruck wahr- und aufzunehmen.

Worum sorgen wir uns wirklich?

Da kommt dieser Virus und führt uns ganz deutlich vor Augen, worum wir uns sorgen. Wir haben Angst um unsere Gesundheit und um unser Leben, zumindest aber mal das Leben der Schwachen in dieser Gesellschaft. Wir singen, eingesperrt in unsere hühnerkäfig-gleichen Wohnungen, um uns gemeinsam das Gefühl zu geben, das wir nicht alleine sind. Wir, die wir sonst ohne Acht aneinander vorbei hasten, wir sehnen uns nach Gesellschaft. Wir singen miteinander oder applaudieren den systemrelevanten Menschen zu, auch wenn wir unsere Nachbarn nicht kennen - noch nicht. Und wir achten aufeinander.

Bei jeder Begegnung mit Menschen, in denen es zu einem wenn auch kurzen Austausch kommt, sagen wir plötzlich „Bleiben Sie gesund“. Ja Herr, wen hat denn die Gesundheit des Anderen vor drei Wochen interessiert? Aber jetzt tut sie es und das ist gut so. Wir machen langsamer. Wir haben gar keine Möglichkeit mehr zu hasten, weil wir im Homeoffice arbeiten, weil Geschäfte, Bars und Restaurants geschlossen sind, weil niemand auf engem Raum mit anderen im Zug oder in der Bahn sitzen will. Wir kommen zu uns. Und wir kommen nicht um uns herum. Das, was so schön gelingt, wenn wir uns mit allen möglichen Aktivitäten ablenken können, klappt häufig nicht mehr. Wir können uns selber nicht mehr weglaufen. Wir begegnen uns. Spannend.

Am Ende verändert herauskommen

Und schon deswegen bin ich mir sicher, dass wir in einigen Wochen, vielleicht erst in einigen Monaten nicht unverändert aus der ganzen Geschichte herauskommen werden. Wie eine moderne Plage wird das Erleben ins uns weiterleben und das gemeinsame Überstanden-haben uns verbinden. Wir werden erfahren haben, wie wertvoll die täglichen Dinge des Lebens sind, wenn man sie nicht beliebig und zu jederzeit anhäufen kann. Und wir werden erkennen, wie überflüssig Luxus ist, wenn wir die Dankbarkeit für das spüren, was wir haben - unsere Gesundheit, unsere Gemeinschaft. Wir werden einander anders begegnen, weil wir in dieser Krise alle gleich gewesen sind. Populisten werden nachgewiesen haben, dass sie keine Antworten haben und ebenso überflüssig sind, wie die Kapitalisten. Sie werden ins Nirvana verschwinden.

Foto: Joel Mott on Unsplash

Ich wünsche mir, dass wir unseren Nachbarn und den Menschen um uns herum anders begegnen und uns wieder mehr auf das besinnen, was um uns herum ist und geschieht. Wir brauchen wieder regionale Strukturen mit denen wir uns identifizieren und denen wir vertrauen können. Es wird mehr Geld kosten und den Vorständen in ihren Boni fehlen. Aber die Vorstände werden auch spüren und wissen, dass wir sie für verzichtbar halten. Und wer weiter kritische Versorgungswege auf Glasschienen baut, wird spüren, dass die Gesellschaft ein neues Bewusstsein hat - ein neues Selbstbewusstsein.

Was für eine Chance haben wir da in der Hand?! Was machen wir damit?


Beitragsbild: webracer999 auf Pixabay