Oktober 13, 2018

Was mich vom Schreiben abhält

Ich würde so unglaublich gerne schreiben, aber ich komme nie dazu - weil ich zuviel Zeit damit verbringe, mich auf das Schreiben vorzubereiten. Klingt unlogisch? Ist es auch.

Was mich vom Schreiben abhält

Ich habe mir sehr fest vorgenommen, mehr zu schreiben. Es ist einfach soviel in meinem Kopf, das eigentlich in die Welt gehört. Aber obwohl ich all diese Gedanken habe und mir immer wieder fest vornehme, mehr zu schreiben, passierte bisher nicht viel. Ich habe mir einmal angesehen, woran es liegt und meine Blockierer zusammengeschrieben. Am Ende schließe ich dann einen Vertrag mit mir selbst.

Das richtige Schreibwerkzeug

Die Suche nach der richtigen Software ist meine #1 Ausrede, wenn ich nicht schreibe. Ich bin auch gar nicht einfallslos, meine eigenen Anforderungen an eine App beliebig zu erweitern. Das beginnt irgendwo bei der Möglichkeit, meine ganzen Texte strukturieren und reicht bis hin zu dem Wunsch, direkt aus der App publizieren zu können. Da kann ich so richtig drin aufgehen.

Ich lade die Apps auf mein iPad oder wahlweise mein Samsung Tablet — auch diese beiden beschäftigen mich dann ebenfalls hinsichtlich der Suche nach dem besten Gerät — und probiere mir dann Testtexte schreibend die Finger wund. Am Ende steht meistens die Erkenntnis, dass keine App meinen klaren Anforderungen genügen kann; und wenn es eine schafft, fällt mir ganz schnell eine weitere Funktion ein, die ich unverzichtbar brauche.

Ob ich nun also auf iAWriter oder Ulyssees oder sonstwas tippe, ich tue das eine Zeit lang, wechsle dann wieder zum anderen und suche zur Not nach jeder Seite im Internet, die eine Auswahl und/oder einen Test der besten Apps für Autoren verspricht. Dann teste ich deren Listen gründlich durch.

Wer suchet, der findet nicht — und muss nicht schreiben.

Ich muss erstmal üben

Es ist ja noch kein Meister vom Himmel gefallen und meines Geistes Werk soll schließlich das Ergebnis harter Arbeit sein. Also reicht es nicht, dass ich mich einfach hinsetze und lostippe. Ich denke, ich sollte erstmal ins Trainingslager gehen.

Das Internet ist zum Glück voll von Seiten, die Anleitungen zum besseren Schreiben versprechen oder MOOCs nach dem Motto “How to become an author in 12 steps”. Je mehr ich mich dort tummle, desto mehr spüre ich, was es da alles zu lernen und zu beachten gibt. Scheinbar ist jeder der zahlreichen Tippgeber am Anfang auch schon einmal gescheitert, was mir natürlich deutlich macht, dass ich nicht unvorbereitet da raus darf (s.u. “die Angst”).

Wenn ich dann einige Tage, diverse neue Newsletter-Abos und viele Videos später denke, dass es für mich nun endlich losgehen könnte, spüre ich nichts von dem Funken, der nun meinen Schriftsteller-Boost zünden soll. Nichts passiert. Ich tippe dann lustlos ein paar Zeilen, aber ich merke sofort, dass das zu nichts Preiswürdigem führt. Der Grund ist klar: Ich habe einfach noch nicht genug gelernt. Also mache ich mich wieder auf die Suche nach noch unentdeckten Guides und den tragischen Geschichten irgendwelcher Leidensgenossen. Irgendwas werde ich wohl übersehen haben.

Hauptsache, ich muss erstmal nix schreiben.

Der Wert meines Beitrags

Ganz ehrlich: Was habe ich schon zu sagen? Was weiss ich schon, was andere nicht auch wissen? Ich lese soviele Bücher, die sich jeder besorgen kann und Blog Posts, auf die jedermann Zugriff hat. Was kann ich da schon wirklich Neues produzieren?

Ich habe einige recht gute Texte hier auf meinem iPad, die ich immer mal wieder lese und korrigiere bzw. ergänze. Je öfter ich die lese, desto trivialer scheinen sie mir zu sein. Je trivialer sie sind, desto peinlicher wird mir der Gedanken, sie zu veröffentlichen (s.u. “Die Angst”). Also bleiben sie hübsch da, wo sie sind. Noch viel schlimmer sind aber all die Schnipsel, die ich irgendwann mal angefangen habe. Gedanken, die ich mal runtergeschrieben habe, als ich sie hatte. Dinge, die sicherlich Wert haben, aber zusammenhanglos in meinem Ulyssees-Kosmos umher wabern.

Jeder Gedanke triggert beim Lesen zwar Ideen in meinem Kopf, was ich dazu schreiben könnte, aber sie in einen sinnvollen Kontext zu bringen, fällt mir häufig schwer — und je länger ich dann über so einem Text brüte, desto mehr habe ich das Gefühl “Jemand anders hat das Gleiche bestimmt schon viel besser beschrieben. Sollen die doch da suchen.”

Wer nix zu sagen hat, schweige.

Die richtige Recherche

Jetzt kommt meine neue Königsdisziplin: Mein Perfektionismus sagt mir, dass ein Text ohne anständige Recherche nix taugt. Wann immer ich Bücher und anderer Leute Texte lese, finde ich regelmäßig Unmengen von Referenzen auf Quellen Dritter. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ein Text umso eindrucksvoller wirkt, je mehr Quellenangaben er hat. (Obwohl ich mich manchmal frage, was einen Text ausmacht, der zu 50% aus fremden Federn stammt).

Daraus ergibt sich für den geübten Abstrakt-Mathematiker die Gleichung: Viele Quellen gleich professionell. Und überhaupt habe ich ja intensiv die Plagiatsaffären in diesem Land verfolgt. Man darf einfach gar nichts falsch machen!

Weil ich aber überhaupt keine Ahnung habe, was man so macht, wenn man recherchiert (Studium und Schulzeit sind lange her), recherchiere ich also erstmal, wie man recherchiert. Und plötzlich finde ich mich in der gleichen Schleife wieder wie oben (s.o. “erstmal üben”). Ich lese seitenweise Tipps und Anregungen, mehrteilige Blog-Beiträge und schaue Videos, wie ich richtig Recherche betreiben könnte. Tage lang!

Das Tolle an diesem Thema ist, dass ich mich innerhalb eines Themas auf zwei komplizierte Blockierelemente verlassen kann: Die Methodik der Recherche (das “Wie”) und die inhaltliche Komponente (das “Was”). Herrlich. Wenn ich also eines Tages methodisch perfekt bin, kann ich mich immer noch super damit aufhalten, dass ich erstmal verstehen muss, die ich eigentlich an die richtigen Inhalte für mein Vorhaben komme.

Alte Weisheit:”Wer recherchiert, der schreibt nicht.”

Die Angst vor dem Versagen

Spätestens an diesem Punkt wird mir klar, dass all mein Suchen nur der Prokrastination dient. Selbst wenn ich all die Disziplinen oben erfolgreich bewältigt hätte, hätte ich noch nichts zu Papier gebracht. Statt zu machen, schiebe ich eben lieber auf. Es gibt für mich immer viel mehr Gründe, nicht zu schreiben, als zu schreiben.

Genau betrachtet, hindert mich also nichts von dem oben Gesagten, sondern vielmehr eine meiner persönlichen Ur-Ängste, nämlich die Angst, zu versagen, also etwas zu produzieren, was nacher niemand liest oder mag. Ich spüre Unbehagen bei dem Gedanken, etwas zu publizieren, was in den Kommentaren, so sie denn überhaupt kommen, eher zu “ja aber” provoziert als zu uneingeschränkten Jubelstürmen. Und wehe ich denke darüber nach, dass mich irgendwann mal jemand auf einen Beitrag anspricht, der ihm nicht gefallen hat…

Diese Angst kann ich nur über das Tun in den Griff bekommen — und der Feststellung, dass alles gar nicht so schlimm sein wird, wie es in meinen Vorstellungen ist. Vielleicht muss ich mich der Tatsache stellen, dass es Menschen nicht gefällt, was ich produziere, dass ich es nicht allen recht machen kann. Kann ja auch gut sein. Wer weiss, was ich auf diesem Weg noch alles Gutes über mich lerne.

Mein Vertrag mit mir

Also werde ich sowohl die Tool-Diskussion mit mir an dieser Stelle beenden und auch die Suche nach noch besseren Tipps. Ich will ja eh keine anspruchsvollen Romane schreiben. Noch nicht. Recherchieren lerne ich dann “on the job”. Die anderen haben es ja auch mal gelernt.

Und so mache ich heute diesen Vertrag mit mir, dass ich (erstmal) jede Woche einen Text schreiben und veröffentlichen will. Ich werde meine Gedankensammlung in Ulyssees Schritt für Schritt abarbeiten und die Inhalte weiter denken. Das wird dann zu Beginn ein thematischer Blumenstrauß, aber das ist ok für mich.

Über eure Gedanken und Anregungen und Anfeuerungen freue ich mich natürlich, aber sie werden nicht mein Antrieb sein, denn ich schreibe ab heute für mich.

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