Juni 28, 2019

Warum ich schreiben will

Ich habe viele Geschichten im Kopf, die kommen und häufig schnell wieder verloren gehen. Wennn ich schreibe, kann ich diese Erzählungen bewahren und mit anderen teilen. #SchreibenüberdasSchreiben

Warum ich schreiben will

Ich stehe etwas ratlos mitten im Snooper's Paradies in Brighton. Wir sind auf einem Bummel durch die Stadt an diesem Geschäft vorbei gekommen, das ein einziger Flohmarkt ist, ein Sammelplatz für alles Gebrauchte.

In den zahllosen Regalen warten Puppen, Bilderrahmen, gehäkelte Decken, Bücher, Schallplatten, Blechdosen, Münzen, Stifte, Bettbezüge, Regenschirme, Hüte und unzählige Dinge mehr auf einen Neugierigen, der ihnen ein neues Heim geben wollen. Man hat sich bemüht, dem Ganzen eine gewisse Ordnung zu geben, aber dennoch komme ich mir verloren vor in dieser Flut von Eindrücken, die auf mich einströmen.

Von den Wänden hängen alte Gemälde vermutlich weniger bekannter Künstler. Sie werden flankiert von Flaggen, Seilen und Kleidungsstücken. Alte Möbelstücke stehen im Raum verteilt und dienen genauso als Ausstellungsfläche wie die vielen wackligen Regale. Und die alten Teppiche am Boden sind so zerschlissen und abgenutzt, dass ich ständig aufpassen muss, nicht zu stolpern.

Ich fühle mich schon nach kurzer Zeit in diesem Wirrwarr von Gegenständen erschöpft und bleibe stehen. Ich lasse meine Umgebung auf mich wirken und schaue mich in Ruhe um. Da fällt mein Blick auf eine Pappschachtel auf einem kleinen Tisch vor mir. Es sind Schwarz-Weiss-Fotografien, die jemand völlig zusammenhanglos in die Schachtel gelegt hat. Ich greife hinein und nehme ein paar der Fotografien heraus.

Bild: Michael Jarmoluk via pixabay.com

Das oberste Bild ist abgegriffen und am Rand leicht eingerissen. Eine junge Frau in einem sommerlichen Kleid blickt mich an. Ihr Mund deutet ein Lächeln an. Ihre dunklen lockigen Haare verdecken einen Teil ihres Gesichtes und liegen locker auf ihren Schultern.

"Tante Olivia", denke ich. Ich weiss nicht, ob die junge Frau Olivia hieß, und ich habe auch nie eine Tante Olivia gehabt. Aber in diesem Moment passt das zu ihr. "Sie war die erste Frau von Onkel Franz. Ich glaube, sie stammte aus Schlesien. So genau habe ich das nie verstanden...". In mir entspinnt sich eine Geschichte von einer Frau, die ich nie zuvor gesehen habe, aber die mir plötzlich vertraut scheint.

Ich blättere weiter und halte die Fotografie einer Familie in den Händen. Die Mitte wird dominiert von einem beleibten Mann mit riesigem Bart und einer nicht weniger beleibten Dame zu seiner Rechten. Die beiden sitzen, während neben und hinter ihnen eine Reihe von jungen Menschen Aufstellung genommen haben. Alle tragen dunkle Sonntagskleidung. Ich zähle vier junge Männer in ihren Anzügen und drei Frauen in Kleidern. Zu Füßen der sitzenden Herrschaften hat man drei Kleinkinder in weissen Hemdchen und Windeln plaziert.

Wieder höre ich eine Geschichte, die Namen der Personen und die Art, wie sie zusammengehören. Ich erfahre, warum einer der jungen Männer noch keine Partnerin gefunden hat und zu wem die drei Kleinen am Fußboden gehören. Bald habe ich das Gefühl, diese Familie schon lange zu kennen.

Bild: andreas N auf pixabay.com

Ich blicke von dem letzten Bild auf und schaue in die Schachtel. Aber ich sehe keine einfachen Fotografien mehr, sondern lauter Geschichten. Geschichten, die sich in meinem Kopf bilden, sobald ich die Bilder betrachte. Und als ich mich in dem Laden umschaue, spüre ich, dass ich zu jedem einzelnen Gegenstand eine Geschichte erzählen könnte. Alles hat irgendwo in irgendeiner Erzählung Platz.

Diese Geschichten entstehen in mir. Häufig kommen sie überraschend und ohne Vorwarnung, und genauso häufig verschwinden sie dann wieder und gehen verloren. Ich möchte diese Geschichten aber erzählen. Deswegen möchte ich schreiben. Ich möchte diesen Erzählungen einen dauerhaften Platz in der Welt geben, wo andere Menschen sie hören und sich daran freuen können.


Beitragsbild: Gerhard Bögner auf Pixabay

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