Sie hatte sich in voller Länge auf meinem Sofa ausgestreckt. Ihr Kopf ruhte auf der Armlehne. In ihren Händen hielt sie eines meiner Unterrichtshefte, das sie seit einigen Minuten aufmerksam studierte.

„Das ist interessant“, sagte sie, ohne den Blick von dem weißen DIN-A4-Heft zu nehmen.

„Was genau meinst du?“, fragte ich sie. Aber ich bekam keine Antwort.

Ich saß ihr schräg gegenüber im Sessel und hatte meine Füße auf dem gläsernen Couchtisch abgelegt. Ich sah ihr zu, wie sie die Seiten überflog.

„Ich wusste nicht, dass man Schreiben studieren kann“, sagte sie. „Und überhaupt, warum willst du das studieren? Du kannst doch schon schreiben.“

„Denkst du?“, hakte ich mehr oder weniger skeptisch nach; weniger, weil ich überrascht war, denn sie hatte mir schon häufiger bestätigt, sie möge meine Texte. Vielmehr zweifelte ich immer an mir und meinen eigenen Fähigkeiten.

Ich erhob mich aus dem Sessel und ging zum Fenster.

„Warum willst du das studieren?“. Ihre Frage zog Bahnen durch meinen Kopf.

„Weisst du“, sagte ich während ich hinausschaute, „wenn ich Menschen sehe, sehe ich Geschichten. Wenn ich weggeworfene Dinge sehe, manchmal ganz gewöhnliche Sachen erlebe, dann entstehen Geschichten in meinem Kopf.”

Ich schaute aus dem Fenster.

“Erinnerst du dich an die Frau”, sagte ich, “die wir neulich am Rande des Parkplatzes auf dem Baumstumpf haben sitzen sehen? Du hast einfach gefragt: ‚Was macht die da?‘ Aber für mich erzählte die ganze Situation eine Geschichte:

Sie saß schon häufig an dieser Stelle. Früher stand dort eine mächtige Weide. Mit ihrem Mann machte sie jedes Jahr auf dem Weg in den Urlaub dort Rast. Sie saßen unter dem Baum im Schatten, aßen ihr Picknick und genossen die gemeinsame Zeit. Dieser Baum war für die beiden ein Symbol ihrer Zweisamkeit.

Ihr Mann war irgendwann zu krank, die lange Reise zu machen, aber der Baum blieb Teil ihrer Erinnerung an die guten Zeiten. Vor einigen Monaten starb er. Sie ließ ihn einäschern und entwendete die Urne mit seiner Asche.

Dann fuhr sie eines nachts zu “ihrem” Parkplatz. Als sie zu der vertrauten Stelle kam, musste sie feststellen, dass man den Baum inzwischen gefällt hatte und nur noch ein Stumpf übrig geblieben war. Sie grub ein tiefes Loch, ließ die Urne in den Boden gleiten und verschloss das Loch wieder.

Immer, wenn sie ihn vermisst und ihm nahe sein möchte, fährt sie dorthin.“

“Woher weißt du das alles?”, fragte sie vom Sofa aus.

“Du, ich weiß das nicht. Das ist einfach die Geschichte, die entstand, als ich sie dort sitzen sah.”

“Die Geschichte ist total schön, die solltest du aufschrei...”

Sie machte eine Pause. Ich drehte mich zu ihr um. Sie hatte sich in der Zwischenzeit hingesetzt und schaute mich an.

“Ahhhh, jetzt verstehe ich.”, sagte sie und lächelte mich an. “Na, wenn das so ist, dann freue ich mich darauf, dass du in Zukunft viel mehr solcher Geschichten mit mir teilst.”

“Das werde ich”, versprach ich ihr.