06 Februar 2015

Ich will lernen, sein zu lassen.

Tagesimpuls

Jetzt aber - so spricht der Herr,
Der dich geschaffen hat, Jakob,
Und der dich geformt hat, Israel:

Fürchte Dich nicht, denn ich habe Dich ausgelöst,
Ich habe Dich beim Namen gerufen,
Du gehörst mir.
Wenn du durch’s Wasser schreitest,
Bin ich bei dir,
Wenn durch Ströme,
Dann reißen sie dich nicht fort.
Wenn du durchs Feuer gehst,
Wirst du nicht versengt,
Keine Flamme wird dich verbrennen,

Denn ich, der Herr, bin dein Gott,
Ich, der Heilige Israels, bin dein Retter.
Ich gebe Ägypten als Kaufpreis für dich,
Kusch und Seba gebe ich für dich.
Weil du in meinen Augen teuer und wertvoll bist.
Und weil ich dich liebe,
Gebe ich für dich ganze Länder
Und für dein Leben ganze Völker.
Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir.
Von Osten bringe ich deine Kinder herbei,
Von Westen her sammle ich euch.

Jes 43, 1-5

Sein lassen

Mein letzter Gedanke gestern Abend war, dass ich lernen möchte, sein zu lassen. Wie häufig am Tag nehmen Dinge all meine Aufmerksamkeit in Anspruch, die um mich herum passieren? Ein hupendes Auto, vorbei fliegende Hubschrauber, schreiende Kinder… So häufig kümmere ich mich und lass mich einnehmen von Dingen, die an meinem Wegesrand passieren. Und auf meinen Spaziergängen entwickle ich dann in meinem Kopf ganz wilde Erzählungen drum herum.

Abstruses Kopfkino

Erst neulich ging ich an einer Schule in Tannenbusch vorbei und dachte plötzlich an meine Auffassung, Wie verfehlt doch Schulpolitik ist, die nur auf Wissensvermittlung setzt, aber viel zu wenig auf deren Anwendung. Der Auslöser war mein innerer Disput, ob Schüler während Prüfungen ihr (heute völlig normales) Mobiltelefon verwenden dürfen sollen.

So entwickelte ich einen virtuellen Disput mit der virtuellen Klassenlehrerin meines virtuellen Sohnes, dem während einer virtuellen Prüfung sein virtuelles Mobiltelefon abgenommen worden war. Mein Ziel war, für meinen virtuellen Sohn durch zu setzen, dass er die virtuelle Prüfung wiederholen darf.

Ich bin mir der peinlichen Absurdität dieses Szenarios voll bewusst. Aber das ist, was mein Kopf macht. An einem völlig belanglosen Aufhänger entspinnt sich ein abstruses Fantasiegebilde jenseits jeder Realität, in dem ich stets der starke Mann, Vater, oder der Gute, am Ende aber stets der Überlegene bin. Ich kann mich erinnern, dass ich erst nach 30 Minuten (!) den Ausstieg fand und mich selber gefragt habe, ob ich sie eigentlich noch alle beisammen habe.

Sein lassen können

Was hat denn das Eine mit dem Anderen zu tun? Wenn ich hier den Weg am Bach entlang spaziere, dann schaue ich auf den Weg circa 10 m vor mir. Alles andere lass ich sein. Ein Martinshorn, ein lauter Auspuff, ein Hubschrauber… Meine Augen und meine Aufmerksamkeit folgen Ihnen nicht. Sie sind kurz gegenwärtig und dann schon wieder verschwunden. Es ist bemerkenswert, wie wenig meinem Leben später an Inhalt fehlt, wenn ich Ihnen nicht gefolgt bin. Ich lasse sie zu, lasse sie sein und lass sie sofort wieder ziehen.

Ein Auto parkt quer über den Fußgängerweg; ich gehe vorbei und es ist vergessen. Ich erinnere mich an den Golf in der Grootestraße, der stets auf dem Radweg parkte. Wie oft habe ich mich über den geärgert und peinlich absolutes Kopfkino kreiert. Wie viel Zeit, wie viel Aufmerksamkeit, ja wie viel Kraft hat mich das Ding gekostet? Und drei Tage später stand der wieder da.

Das Ganze kann ich auch auf die Nachrichten übertragen. Ukraine, IS, Pegida… da kann ich eine Ansicht zu haben, muss es aber nicht. Ich muss nicht jede Entwicklung dieser Welt zu einem Teil von mir machen. Ich hielt es immer für sehr wichtig, umfassend informiert zu sein, aber mir scheint es immer häufiger zu mühsam, alle Zusammenhänge zu verstehen, ohne dass sie mir wirklich nutzen – außer, dass sie mein Weltbild düsterer machen.

Alle bekloppt!

Das ist mehr und mehr mein Motto, wenn es um das Zusammenleben von Menschen geht. Als hätten wir nicht ohnehin genug damit zu tun, dass ein Großteil der Welt schon im sozialen oder politischen Unfrieden lebt, machen wir weitere Herde des Unfriedens auf. Schweife ich ab?

Ich muss lernen, sein zu lassen.

Hilf mir, die Dinge zu ändern,
die ich ändern kann,
Die Dinge zu akzeptieren,
die ich nicht ändern kann,
Und schenke mir die Weisheit,
Das eine vom anderen zu unterscheiden.

Ich bin nicht der Retter der Welt, weder im Kleinen, noch im Großen. Ich bin der strahlende Held in Jennys Welt, so wie sie mein strahlender Engel ist – alles andere ist nicht wichtig, wird nie wichtiger sein.

Still sein

Still zu sein bedeutet nicht, nicht zu sprechen. Wirklich still sein bedeutet, zu hören. Hören auf mich selbst, in mich selbst hinein. Still sein bedeutet, jetzt hier zu sein. Mich selbst wahrnehmen, spüren, im Dialog mit meinem Leib, meiner Seele, meinem Herzen zu stehen.

Be still for the presence of the Lord, the Holy One is here.

Wie viel Sinn macht jetzt diese Liedzeile:

Sei still, damit du die Gegenwart Gottes jetzt und hier (in Dir) spüren kannst. Am Ende fast es diese Zeile, die Jenny mir mitgegeben hat, perfekt zusammen.