Morgenmeditation

Den sicheren Stand suchen.
Den Körper abklopfen,
danach aufrecht stehen und spüren,
wie ich mich heute wahrnehme.

Die Hände schulterbreit und -hoch halten,
sich auf den Raum zwischen den Handflächen konzentrieren.
Dazu auch die Hände langsam aber ohne Berührung aufeinander zu bewegen
und den Zwischenraum spüren.

Später die Hände wieder an der Körperseite hängen lassen
und spüren, wie sich die Handflächen anfühlen.

Im Sitzen den Impuls des Tages hören.

Impuls des Tages

Da sagte der Sohn: „Vater, ich habe mich gegen den Himmel und Dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, Dein Sohn zu sein.“

Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: „Holt schnell das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand und zieht ihm Schuhe an. Bringt das Mastkalb her und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein.

Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wieder gefunden worden. LK 15, 11-24

Die Lesung des Tages setzt die Thematik von gestern fort. Dem Vater ist egal, was der Sohn getan hat und was er gelassen hat. Für ihn zählt allein das Jetzt, die Tatsache, dass der Sohn wieder da ist, dass er lebt.

Er erkennt den Sohn bereits von Weitem und empfindet, ohne dass er genau weiss, warum der Sohn zurückkommt, Mitleid und Sympathie. Er nimmt seinen Sohn auf, weil er im Hier und Jetzt froh ist, diesen wieder daheim zu haben. Welch eine ungewöhnliche Reaktion.

Die Rückkehr des verlorenen Sohnes (Rembrandt)

Diese Zusage beruhigt: Egal, was ich getan oder nicht getan habe, egal, was mir gelingt oder nicht Gott fragt gar nicht danach! Er liebt mich als seinen Sohn, nimmt mich als solchen an, ohne dass ich irgendwas dafür tun oder schaffen oder erreichen muss. Wie schon gestern ist das eine überwältigende Zusage. Was sollte mir mehr bedeuten als die Liebe Gottes? Wo stehen da im Verhältnis Auto, Haus, Boot, Arbeitserfolg = Karriere? Aber kann ich diese Zusage mit in mein tägliches Leben nehmen? Wo wird sie ihren Platz bekommen? Auch hier wird entscheidend sein, es geschehen zu lassen.

Sein lassen

„Lass sein“ - das, was so abwertend klingen mag - und häufig ja auch als „gib auf!“ gemeint ist, bekommt einen neuen Sinn: Gib den Dingen ihren Raum, lass sie sein, wie sie sind. Trete mit ihnen in den Dialog und akzeptiere sie als Teil von Dir.

Wir neigen immer dazu, Dinge lösen zu wollen, klären oder beseitigen. Ich möchte mich jetzt zuerst mit ihnen auseinander setzen - so wie Ralph stets fragt Wo sitzt es bei Dir im Körper?, will ich verstehen, woher Dinge kommen und was sie mit mir tun. Ich muss nicht Sorglosigkeit erreichen, um glücklich zu sein - das wird mir ohnehin nicht gelingen.

Die Sorge muss einfach die Gelegenheit bekommen, Teil von mir zu werden und ich muss mich ihr offen zuwenden und mich zu ihr bekennen.

Thomas kann die Zusammenhänge so wundervoll darstellen. Leider kann ich das alles nur mäßig rekapitulieren, weil mir da meistens auch die theologischen Zusammenhänge fehlen. Aber das, was ich mir merken und bewahren kann, ist schon so gut, dass es mich unglaublich glücklich macht.

Stille Zeit

Heute war ein herrlicher Tag. Der Morgen war so kalt, wie ich es lange nicht erlebt habe. Als die Sonne aufging, war sie hinter dichtem eisigen Nebel verborgen und zeigte sich nur sehr schemenhaft als heller Punkt am Himmel. Es ging kein Wind. Was für ein Gefühl. Ich bin hier am Bach entlang spaziert, habe dank der reichlichen Unterführungen nicht eine Straße kreuzen müssen und stand dann am Ende des Weges unversehens an der mächtigen Donau.

Ich konnte zwar nur einige Meter schauen, aber ich konnte den Fluß hören. Welche in Gefühl! Auf dem ganzen Weg hin und zurück waren meine Gedanken aktiv und ich habe sie angeschaut, bin einigen gefolgt, habe sie dann aber stets ziehen lassen.

Es ist ein befreiendes Gefühl, Gedanken einfach loslassen zu können, ohne durch sie und mit ihnen in eine dieser Spiralen zu geraten, aus denen ich mich nicht befreien kann.

Zum Gebet der liebenden Aufmerksamkeit

Mein Herr und mein Gott,
Mein gütiger Vater.
Du hast mich heute morgen geweckt
Und mir einen neuen Tag geschenkt.

Soviel hast Du mir mit diesem Tag gegeben,
Dass ich dankbar bin, ihn mit Dir gelebt haben zu dürfen.

Am Ende dieses Tages sitze ich hier in Stille
Und schaue zurück
Auf die Begegnungen des Tages,
Auf die Menschen, die mich gegrüßt
und die mich bewegt haben.
Auf die Regungen meines Herzens,
Auf jede Freude und jede Angst,
Auf jeden Zorn und jede Versöhnung,
Auf jedes Staunen und jedes Lachen,
Auf jedes Willkommen und jeden Abschied.

Ich schaue zurück
Auf die Gedanken, die mich erfüllt haben,
Auf jede Hoffnung und jede Enttäuschung,
Auf jede Idee und jede Vision,
Auf jeden Traum und jeden Verlust.

Sie all hast Du heute zu einem Teil von mir gemacht.
Sie erfüllen mich.
Sie sind ich und ich bin sie.
Sie bleiben bei mir,
so wie Du stets bei mir bleibst.

Ich danke Dir, mein liebender Vater,
Für jede Minute dieses Tages.
Und sieh, es war ein guter Tag.
Bewahre mich nun in dieser Nacht.
Decke mich zu mit Deiner liebenden Güte.
Und wenn Du es wünschst,
So wecke mich auch morgen früh
Und schenke mir einen neuen Tag.

Amen


Das Gebet habe ich heute Abend geschrieben, um meinen Abschluss für mein Gebet der liebenden Aufmerksamkeit zu haben. Es fasst zusammen, was mich bei der Betrachtung eines Tages bewegt und zeigt auch, was ich hier verstanden habe:

Alles ist ein Teil von mir und in mir. Dort, wo ich mich in mir finde, finde ich Gott.

Das Sprechen von Gott im unmittelbaren Kontext zu mir ist ein wenig ungewohnt, aber es tut mir gut. Ich bete hier aufmerksamer, ja sogar ein wenig leichter. Ich lese den Text aus der Bibel ganz anders.

Vielleicht sollte ich das auch mit Ralph einmal versuchen.

Es ist so einfach und doch nicht leicht.