Tag eins - 02 Februar 2020

Angekommen

Ich bin angekommen an dem Platz, von dem aus - hoffe ich - sich mein Leben verändert. Ein kleiner Ort und mein großer Traum. Ich wünsche mir eine Woche in der vertieften Begegnung mit mir.

Ralph und ich haben die innere Mitte thematisiert, die mich mit Kraft und Mut versorgen kann und mit deren Hilfe ich meine Automatismen steuern sollte. Mir fehlt diese Mitte. Schroeter würde sie in Bin am Meer die Intuition nennen.

Nun würde ich mir zugestehen, diese Intuition zu besitzen, aber mir fehlen die Ohren, (auf) sie zu hören. Dafür habe ich meine Gedanken- bzw. Zukunftswelten in denen ich meine - allerdings stets gleiche - Vision meines zukünftigen Seins, meines Werdens, konstruiere und so versuche, mich auf das, was vielleicht einmal kommen kann, vorzubereiten. Gerade so, als könnte ich damit einen verlässlichen Plan erhalten, wie ich heute die Weichen stellen muss, damit morgen mein Leben funktioniert.

Witzig ist: Über so viele Jahre habe ich genauso gelebt und schlußendlich hat mein Leben eben gar nicht funktioniert. Es ist gut, dass Ralph mir geholfen hat, diesen recht sinnfreien Weg zu erkennen und - hoffentlich - zu verlassen.

Ich bin heute angekommen an einem Punkt, den ich mir so oft gewünscht habe. Weg sein, still sein und ruhig sein war schon lange mein Traum. Das Rauschen in meinem Leben war immer laut genug, um mich nicht wirklich zur Ruhe kommen zu lassen.

Mir ist schon lange bewusst, dass es eines solchen bewussten Ausstiegs bedurfte, um einen wirklichen Ruheraum für mich zu finden. Aber vor heute wäre ich stets in das gleiche Rauschen, das gleiche Eilen, das gleiche Zweifeln und zu den gleichen Ängsten zurück gekehrt.

Wohin ich in fünf Tagen zurückkehre, weiss ich nicht, denn es wird neu sein und ich kümmere mich auch nicht, denn es wird ohnehin an meinem Wegesrand liegen und mir begegnen, ohne dass ich danach suchen muss. Es wird da sein und ich brauche mich nun und jetzt nicht sorgen oder kümmern.

Sein

In dieser Woche werde ich lernen, zu sein. Die einzige Zeit, in der ich existiere ist jetzt - nicht gestern, nicht morgen. Und doch gehe ich mit dem Jetzt am Schlampigsten um. Ich verbringe mehr Zeit damit, mir über das Gestern Gedanken zu machen und damit, mir auszumalen, wie mein Jetzt aussehen könnte, hätte ich enst anders entschieden. Ich gebe dem Vergangenen, dass unverrückbares Faktum ist, soviel Platz, dass es die Chance bekommt, mein Heute zu verdunkeln.

„Hätte ich doch...“ - Wenn ich nicht über das Vergangene siniere, dann bin ich meist im Morgen und überlege, was sein könnte und wie ich damit umgehen würde. Finde ich aber keinen Umgang, so verzweifle ich, fühle mich verloren, hilflos, ausgeliefert. Ich habe Angst - Angst im Jetzt wegen dem, was morgen vielleicht niemals kommt.

Wenn ich einen Weg gehe, so habe ich häufig ein Ziel. Im Jetzt gehe ich diesen Weg Schritt für Schritt und Atemzug für Atemzug, aber mein Sein kreist in der Regel um alles Andere als den Weg. Ich bin beim Gestern, beim Morgen oder ganz und gar in Völlig abgekoppelten Fantasiewelten. Häufig kämpfe ich darin Alltagskämpfe, aus denen stets ich als Sieger hervorgehe. Aber damit verliere ich mein Sein. Es bleibt auf der Strecke - Schritt für Schritt. Ich verliere den Sinn für mich, für meinen Weg und all das, was dieser Weg mir zu geben bereit ist. Ja, häufig ist mir der Weg sogar lästig. Ich will immer nur da sein.

Dabei ist es der stille Begleiter meines Weges, der mich glücklich macht: Die Sehnsucht. Gehe ich im Schnee, so ist die Aussicht auf das warme Zuhause mein Antrieb. Ach, wäre ich doch nur schon da. Und obwohl mich die Schneeflocken umtanzen, angetrieben von dem Wind, der mich umweht, kann ich die Wärme bereits in mir spüren. So bin ich nicht hier, sondern da. Besser noch: Ich muss gar nicht hier sein, weil mich das Ziel schon erfüllt. Damit tue ich dem Weg unrecht und nehme ihm die Gelegenheit, mir zu zeigen, was er mir zu bieten hat. Nur ab und zu, bei einer schönen Aussicht, einem witzigen Schild oder ähnlichem, bleibe ich für einen Moment stehen, komme zu mir und dem Weg und in mein Sein zurück.

In unserem Abendgebet heute Abend haben wir sitzend geschwiegen, jeder für sich und doch gemeinsam - in Stille. Im Rhythmus des Atems war ich bei mir und doch drängelte mein Geist un wollte hinaus. Auch jetzt, wo ich hier in Stille mit einer Tasse heißen Wassers sitze, ist mein Sinn nicht nur bei dem, was ich schreibe, sondern bei meinem Plan, gleich noch in die Stadt zu gehen. Aber ich werde bewusst üben, nur bei mir und meinem Moment zu sein.

Ich denke, es ist völlig normal, wenn ich das mal nicht bin, aber dann möchte ich ein Werkzeug haben, mich ganz bewusst zu mir zurück zu holen. Ich denke, in meiner Arbeit werde ich das brauchen und es wird mir helfen.

Meine Zeit liegt in Deinen Händen.
Nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in Dir.

Gute Nacht.

Be still

Jenny hat mir aus Common Praise das Lied 383 mitgegeben.

Be still, for the presence of the Lord,T he Holy One is here.
Come, bow before him now, with reverence and fear.
In him no sin is found, we stand on holy ground.
Be still, for the presence of the Lord,T he Holy One is here.

Be still, for the glory of the Lord is shining all around;
He burs with holy fire, with splendour he is crowned.
How awesome is the sight, our radiant King of light.
Be still, for the glory of the Lord is shining all around.

Be still, for the power of the Lord is moving in this place,
He comes to cleanse and heal, to minister his grace.
No work too hard for him, in faith receive from him;
Be still, for the power of the Lord is moving in this place.

Stille ist ein wahres Geschenk. Wie dankbar können wir in unserer Welt sein für einen Moment der Geräuschlosigkeit. Wie sehr sehnt sich die Seele nach einem Augenblick des Durchatmens und unsere Sinne nach einem Moment, in dem auch sie einmal loslassen können.

Aber Stille, diese scheinbar unausgefüllte Zeit, macht uns Angst. Wir sind getrieben von der Sucht, leisten zu müssen. Wir wollen erledigen, abhaken, aus dem Kopf kriegen, anfangen und fertig machen. Unsere Zeit ist begrenzt und wir wollen, wir müssen sie sinnvoll und produktiv nutzen. Die Stille, die dagegen nicht aufbegehrt, ist scheinbar tote Zeit. Eine Zeit, in der nichts tönt oder in Bewegung ist, ja, die unser Streben unterbricht. Sie stört und doch im Grunde sehne ich mich nach ihr. Das verwirrt und macht Angst.

Aber in der Stille - und nur in der Stille - bin ich ganz bei mir. Nichts lenkt mich ab. Ich kann mich anschauen und mich fragen „Wie geht‘s?“. Nur in der Stille kann ich mich wirklich finden - und in mir Ihn.

Be still, for the presence of the Lord, the Holy One is here.