April 26, 2019

Schreiben

Was passiert eigentlich so in meinem Kopf, wenn ich darüber nachdenke, was ich schreiben könnte? Folgt mir - ich zeig's euch.

Schreiben

Ich sitze an einem gemütlichen Tisch, neben mir ein Wasser und vor mir ein leeres Blatt Papier... also im übertragenden Sinne, denn ich habe gar kein Papier vor mir, sondern einen Bildschirm und eine Tastatur. Aber mir ist klar, dass auch ein Blatt Papier keinen Unterschied machen würde - ohne Inspiration bliebe auch das jungfräulich.

Dabei ist es nicht so, dass es mir an Themen fehlt. Ich denke viel - sehr viel. Und den ganzen Tag. Ich ertappe mich immer wieder, dass ich, unabhängig davon, was ich gerade tue, in Gedankengebilde abdrifte, die meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Manchmal passiert das im Kontext meines aktuellen Tuns, am Häufigsten aber losgelöst davon.

Wie ein Funke ist dann plötzlich einen Gedanken im Kopf, der nachdrücklich von mir fordert, gedacht zu werden. Auf den ersten folgt gleich anschließend der zweite, ein dritter kommt von rechts, ein weiterer schließt sich von hinten links an - und so treiben wir alle gemeinsam bald dahin.

Gedankenwandern

Normalerweise ist das eine durchaus interessante Wanderung, die wir miteinander machen, und nicht selten bin ich überrascht, zu welchen Gedanken ich fähig bin und welche neuen Erkenntnisse mein Gehirn zu produzieren in der Lage ist. Nur ist es eben so, dass diese gemeinsamen Ausflüge mit meinen Gedanken häufig sehr unerwartet und zufällig geschehen. Und meistens sind sie genau so überraschend vorbei, wie sie begonnen haben.

Mir fehlt in der Regel genau dann die Gelegenheit, in irgendeiner Form festzuhalten, was da gerade geschehen ist. Ich kann mich schon nach kurzer Zeit nicht mehr an die einzelnen Gedanken und deren Zusammenfließen erinnern. Was bleibt, sind ist vielleicht eine Erkenntnis, die fast zusammenhanglos in der Gegend herum steht. Es ist gut, diese Erkenntnis zu haben, aber wenn ich sie später mal brauche, dann habe ich sie häufig nicht parat. Erkenntnisse sind flüchtig. Sehr flüchtig.

Und dann sitze ich, wie hier jetzt, mit viel Zeit und durchaus auch dem Willen und Wunsch ein wenig was zu Papier zu bringen, aber ich weiss beim besten Willen nicht was. Ich habe keinen Plan, womit ich die nächsten zwei Stunden füllen wollte, geschweige denn könnte. Aber je angestrengter ich versuche, über etwas Sinnvolles nachzudenken, desto trivialer scheinen mir meine Ideen.

Irgendwas mit sozial

Im Grunde hätte ich Lust, über etwas Gesellschaftliches zu schreiben, also quasi „irgendwas mit sozial“. Das ist doch schonmal ein Anfang. Sozial kommt ja immer gut. Ich habe ja das Gefühl, das wir in Zeiten leben, in denen das gesellschaftliche Denken zugunsten des individuellen Strebens immer mehr zurück stehen muss. Naja, ... eigentlich habe ich irgendwie auch das Gefühl, dass das gar nicht so ist. Aber irgendwie doch.

Mist... Das war also schon einmal kein gelungener Einstieg. Wie soll denn ein sinnvoller Text entstehen, wenn ich mir nicht mal selber einig bin. „Sozial“ klingt dennoch verlockend. ...

Und siehste, wenn ich diese Gedankenausflüge brauche, wenn ich jetzt einfach los wandern könnte, dann passiert nix. Leere. Nicht nur auf dem (virtuellen) Papier. Stille. Dabei mag ich ja Stille wirklich gerne. Wenn es ruhig wird, wenn alle Geräusche um mich herum verstummen, dann kann ich wunderbar in mich hinein hören. Und wenn ich Zeit habe, in mich hinein zu hören, dann passiert häufig auch was.

Stille ist meine Freundin

Ich kann ja auch ganz wunderbar mit mir alleine sein. Wenn ich z.B. in meiner Werkstatt bin, dann fühle ich mich unglaublich wohl. Dann habe ich völlig unter Kontrolle, welche Geräusche ich zulasse und ertragen muss. Dann bin ich nicht irgendetwas oder irgendjemandem ausgesetzt, den oder das ich nicht beeinflussen kann. Und wenn mich etwas stört, was ich nicht beeinflussen kann, dann nervt mich das. Und wenn mich etwas wirklich nervt, dann kann ich mich in Gedanken und Fantasien steigern, die mir später selber peinlich sind.

Ist das ein Kontrollthema? Eigentlich bin ich ja nicht so einer, der kontrollieren muss. Und ich mag überhaupt nicht kontrolliert werden; das kann ich ja gar nicht leiden. Ich glaube, ich interpretiere das gerne und mache es zu etwas Persönlichem. Man vertraut mir nicht, wenn ich das Gefühl habe, kontrolliert zu werden. Wie kommt jemand dazu, mir nicht zu vertrauen? Bin ich denn kein Typ, dem man einfach so vertrauen kann, ja fast schon muss?

Vertrauen

Also eigentlich doch ein Vertrauensthema. Früher habe ich ja ein grundsätzliches Misstrauen allen gegenüber gehabt, die es gut mit mir meinten. Mir war es suspekt, wenn jemand irgendetwas an mir lobte oder irgendetwas pries, das ich gemacht hatte. Da hatte ich so ein Männchen im Kopf, das dann anfing zu reden. „Glaub das gar nicht erst. Der will nur, dass Du Dich nicht schlecht fühlst. Eigentlich meint der das gar nicht wirklich ernst. Wieso sollte Dich auch jemand loben.“

So ging das dann, bis ich selber überzeugt war, dass die Menschen um mich herum nur ihre falsche Freundlichkeit zeigten, um nett zu sein, mich aber im Grunde überhaupt nicht leiden konnten. Noch schlimmer wurde es, wenn ich dann mal etwas gemacht oder geschaffen hatte, was ich als lobenswert empfand, aber niemand da war, der jenes Lob auch aussprach. Da war ich dann gänzlich in meinem Eigenbild des Versagers bestätigte.

Stellvertreter im Kopf

Ich mag ja auch keine Überraschungen. Also wollte ich schon vorab wissen, was Menschen wirklich von mir halten und wie sie mich sehen. Ich wollte gar nicht erst in die Versuchung kommen, auch nur anzunehmen, dass man mich wirklich mochte. Dafür habe ich mir dann kleine Stellvertreter konstruiert. Und das war mal gar nicht so einfach.

Also jeder Mensch, dem ich irgendwie näher begegnete, mit dem ich also näher zu tun bekam, hatte nach ganz kurzer Zeit einen Stellvertreter, einen Proxy, in meinem Kopf. Dieser Proxy konnte mir jederzeit sagen, wie der andere mich gerade sah und was er (oder sie) von mir hielt. Nun funktioniert so ein Proxy nicht von selber. Daher habe ich jeden einzelnen mit einem Bild von mir gefüttert, von dem ich annahm, das mein Gegenüber es von mir hatte. Kannst Du noch folgen?

Das war natürlich alles ein wenig mit Umwegen und irgendwie „durch die Brust ins Auge“, aber dieser Proxy war für mich eine durchaus reale Wahrnehmung. Ich hatte ein Bild von mir durch die Augen eines anderen, dem ich dann zu entsprechen versuchen konnte, damit man mich mochte. (Was ich ja dann, wenn man es mir sagte wiederum nicht glaubte).

Über meine Stellvertreter brauchte ich mich nicht damit auseinandersetzen, dass ich selbst ein schlechtes Bild von mir hatte, denn das hätte mich ja in die Pflicht genommen - und wäre lösbar gewesen. Ich konnte immer auf den Proxy zeigen - also zumindest mal innerlich; nach außen hin wäre das etwas skuril geworden - und mir selber sagen „der mag Dich einfach nicht“.

Kontrollverlust

Du hast das Gefühl, das sei anstrengend? Ähm... ja. Also genau genommen habe ich es gar nicht wirklich gemerkt. Ich hatte irgendwann so einen Zustand erreicht, da passierte das einfach so. „Es passiert alles unwillkürlich.“ Und dann merkte ich das einfach nicht mehr. Diese Stellvertreter arbeiteten völlig eigenständig, und sie entwickelten sich eigenständig weiter. Das war der Punkt, wo ich damals so ein wenig die Übersicht verloren habe, die Kontrolle.

Ist ja klar: Wenn die innere Realität, also die Wahrnehmung über diese Stellvertreter, die äußere Realität abhängt, dann kann es schon einmal vorkommen, dass sich das eigene Verhalten offensichtlich - also von außen jetzt gesehen - nicht mehr an den neutral wahrnehmbaren Gegebenheiten orientiert. Du selber merkst das ja aber nicht. Also irgendwie habe ich das natürlich schon gemerkt, dass da einiges nicht mehr zusammenpasste. Heute kenne ich den Begriff Kongruenz.

Es wirkt schon ziemlich skurril, mit einem gesunden Abstand auf diese Dinge zu schauen. Heute kann ich darüber sogar lächeln. Die Zeit und eine sehr gute psychologische Therapie haben mir einen Spiegel vorgehalten, der mir deutlich gemacht hat, was ich mir selber angetan habe. Aber damals war das durchaus jeden Tag so.

Stille - Fortsetzung

Wie bin ich da jetzt drauf gekommen? Ach so, ja ... Vertrauen, Kontrolle, Stille. Dabei glaube ich, dass das Thema Stille durchaus etwas ist, was ich mir bei Gelegenheit noch einmal anschauen sollte. Manchmal ist mir das selber schon ein wenig unheimlich, wie empfindlich ich auf Geräusche reagiere. Einen Tag höre ich solche Geräusche, den anderen Tag nicht. Aber Du kennst das vermutlich: Hast Du ein leises Geräusch einmal wahrgenommen, dann wirkt es gleich um ein Vielfaches lauter.

Ich denke ja auch, dass wir in Summe zuviel Lärm in unserer Gegenwart haben. Für mich könnte das Leben mit deutlich weniger Krach vergehen. Laubbläser zum Beispiel: Wer erfindet sowas, wo es doch bereits (leise) Besen gibt? Oder Bobbycars auf Pflastersteinen. Jaja, Kinder sollen doch spielen und wir waren ja auch nicht anders. Obwohl ich glaube, dass es zu meiner Zeit noch gar keine Bobbycars gegeben hat. Aber beschwören mag ich das jetzt nicht.

Tatütata

Ich hatte ein Kettcar. Das hat Opa gebaut. Oder Papa? Ist ja auch egal. Das hatte Gummireifen und hat keinen Lärm gemacht. Den Lärm habe ich gemacht, wenn ich laut „Tatütata“ rufend durch die Nachbarschaft gebraust bin. Aber das musste ich doch: Als selbsternannter Nachbarschaftsschutzmann musste ich doch freie Fahrt haben.

Hihi, das waren Zeiten... Ich träume ja in letzter Zeit immer häufiger von der alten Nachbarschaft. Da passiert alles mögliche Zeug im Hinterhof, dem angrenzend Park, vorne auf der Straße, in unserem Haus. Ich wohne da nun ein gefühltes Jahrhundert nicht mehr, aber es ist immer noch da. Naja, es hat ja auch meine Kindheit geprägt. Und passiert ist ja damals wirklich viel.

Aber darüber zu schreiben, ist dann doch viel zu persönlich. Ne, lieber nicht. Obwohl es sicherlich interessant wäre. Aber nur für mich. Nene, das schreiben wir mal gar nicht auf. Das Internet vergisst ja nix, sagt man. Und irgendwie würde ich da ja doch vieles gerne vergessen, wenn das auch nie passieren wird. Aber aufschreiben? Ne.

Inspiration

Und so sitze ich dann weiter hier, muss sicherlich gleich auf‘s Klo, weil ich die ganze Zeit Wasser trinke, und hab weiter keine Idee, was sich schreiben könnte. Ich warte also krampfhaft auf eine Inspiration. Ein Funke... Aber es herrscht Stille. Da haben wir es wieder. Was ist eigentlich Inspiration genau? Wie funktioniert die? Darüber muss ich mal nachlesen. Transpiration könnte ich erklären... Aber ne.

In - ein ... Spiritus - Geist ... Also vermutlich sowas wie Eingeistung. (Weil „Eingabe“ jetzt wirklich trivial wäre - und ich habe immerhin kleines Latinum und dafür hart gelitten). Der Geist... auf den warte ich hier also. Kommt nicht. Heute nicht mehr. Vielleicht hat Samuel Beckett auch so da gesessen und hatte keinen Schimmer. Und dann denkt er über „Warten auf den Geist“ nach, und weil ihm das zu religiös klingt nennt er es „Warten auf Godot“ und schreibt auch einfach runter, was ihm so durch den Kopf geht.

Vielleicht sollte ich das einfach auch mal machen. Einfach nur aufschreiben, was mir gerade so durch den Kopf geht. Dann verarbeite ich darin noch „irgendwas mit sozial“ und vielleicht ein wenig Politik - immer gefährlich, aber spannend - und heraus kommt ein Bestseller, der morgen in allen möglich (und unmöglichen) Variationen auf den Bühnen dieses Landes auf und ab gespielt wird.

Drolliger Gedanke. Aber vielleicht mache ich das irgendwann mal. Liest vermutlich eh niemand, aber ich will ja auch für mich schreiben. Ich fürchte nur, dass ich diese Idee morgen wieder vergessen habe, wenn ich sie nicht aufschreibe.

Aber jetzt muss ich erstmal auf‘s Klo. Und danach notiere ich das dann. Vielleicht.

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