“Ich habe Dich nicht gebeten, mir zu helfen”, sagte Richard. Sein Bruder stand ihm gegenüber. Die Spannung im Raum war deutlich spürbar. Tony starrte sein Gegenüber an. “Du weißt doch gar nicht, wie schwer das ist”, sagte er.

Bis gestern Abend wusste ich nicht einmal, dass Richard überhaupt einen Bruder hatte. Wir teilten uns schon seit knapp vier Jahren diese Wohnung, den Kühlschrank und den Fernseher. Aber von einem Bruder war nie die Rede. Nach dem Anruf gestern Abend wirkte Richard verärgert. “Da bin ich ja mal gespannt, was der Versager diesmal von mir will”, murmelte er, als er den Telefonhörer auflegte.
“Dein Agent?”, fragte ich ihn.
“Mein Bruder”, war die knappe Antwort.

“Hör zu, Tony”, sagte Richard. “Ich habe dich nicht gebeten, hier aufzutauchen. Ich habe dich nicht gebeten, überhaupt wieder in meinem Leben zu erscheinen. Und ich werde dich ganz sicherlich nicht um irgendeine Hilfe bitten. Geh einfach! Ich komme schon klar.”
Ich konnte sehen, wie sehr der letzte Satz Tony traf.
“Bitte, Rickie, vergiss für einen Moment die Vergangenheit und vertraue mir. Ich weiß, dass dir das schwer fällt, aber ich flehe dich an”, sagte er, aber von Richard kam keine Reaktion. Tony ließ den Kopf hängen.

Für einen Moment schien es, als wüsste keiner von beiden, was er noch sagen könnte. Richard trat einen Schritt vor und legte die Hände auf die schmalen Schultern seines jüngeren Bruders.
“Tony”, sagte er, “ich habe alles hinter mir gelassen: Lübeck, Mutter, Christina und dich. Ich habe mir ein völlig neues Leben aufgebaut. Ein Leben weit weg von all den Lügen und Intrigen. Ein Leben, das ich nach meinen eigenen Werten gestalten kann. Und ich bin damit wirklich glücklich. Ich blicke nicht zurück. Nicht einen Moment.”
Er sprach ruhig, aber eindringlich. “Nicht einen einzigen Moment”, wiederholte er nach einer kurzen Pause.

Tonys Blick verriet wortlose Verzweiflung.
“Ich habe es nicht böse gemeint”, flüsterte er.
“Ich weiß”, antwortete Richard sanft. “Geh jetzt, ich komme damit schon klar. Ich habe schon ganz andere Dinge bewältigt.”
Tony stand noch einen kurzen Moment im Raum. Er blickte kurz zu mir herüber und öffnete dann die Tür wortlos.

Direkt hinter ihm wuchtete Richard den großen Karton in die Höhe, der neben ihm stand, und auf der “Modelleisenbahn” in krakeliger Handschrift vermerkt war.
“Siehst du”, keuchte er, “es geht ganz einfach. Jetzt halt mir einfach unten die Tür auf, dann ist alles gut.”
Beide traten ins Treppenhaus hinaus und ich hörte sie in langsamen Schritten die Treppe hinab gehen. Tony habe ich seitdem nie wieder gesehen.


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