Die Tür öffnet sich. Er tritt in den Straßenbahnwagen und schaut gleich nach links, gleich nach rechts, ob sich irgendwo eine Sitzgelegenheit ergibt. Dann wendet er sich nach seiner Linken und nimmt auf einem freien Sitz Platz. Seine Tasche lässt er zwischen seine Füße auf den Boden gleiten, nimmt seinen Hut ab und legt ihn in seinen Schoß. Die Frau ihm gegenüber nickt zu einem stillen Gruß. Er erwidert. Sie setzt sich ein wenig aufrechter in den Sitz und zieht ein wenig die Beine an. Das schafft eine sichere Zone zwischen ihnen.

Als sich die Bahn in Bewegung setzt, sieht er draußen den Bahnsteig vorbeiziehen, bis dort kein Bahnsteig mehr ist und nun mehr wildes Gebüsch den Zug begleitet. Auch wenn es dort nur monotones Strauchwerk zu sehen gibt, kann er seinen Blick doch nicht abwenden. Dem vorbeiziehenden Grün zuzuschauen, ersparte es ihm für den Moment, den Blick und den Anblick seiner Mitfahrer ertragen zu müssen. Das Grün ist da nicht wählerisch.

Nur kurz fährt die Bahn, dann spürt er die Bremsen anziehen. Die Frau erhebt sich und greift nach der Haltestange über ihr. Sie dreht sich zum Gehen und ihre Schuhe berühren die Tasche zu seinen Füßen.

"Pardon", sagt sie. Beide schauen gleichzeitig zu Boden, als wollten sie sicherstellen, dass kein Schaden entstanden ist.

"Schon gut", erwidert er, als die Frau ihm bereits den Rücken zukehrt. Und er nickt kurz wie zum Abschied.

Einen Moment noch steht die Bahn, dann schließen die Türen wieder. Der Platz ihm gegenüber bleibt frei und er überlegt, ob es an ihm liegt, denn es stünden genügend Personen noch im Gang. Er blickt sich um, bemerkt weitere freie Sitze und ist beruhigt.

Der Zug fährt an, und wieder rauscht die Landschaft am Fenster vorbei. Gestrüpp, ein paar Häuser, dann eine große, leere Weide. Der stete Regen der letzten Tage hat große Pfützen hinterlassen und wohl kein Tier würde sich darauf gerade wohlfühlen - außer ein paar Enten vielleicht, denkt er.

Da das Draußen keine weiteren neuen Eindrücke verspricht, kehrt er seinen Blick nun doch ins Innere des Wagens. Drei junge Männer stehen im Eingangsbereich und unterhalten sich angeregt in einer Sprache, die er nicht versteht. Nicht die Jungen sind es, die in ihm Unbehagen hervorrufen, sondern die Feststellung, dass er ihrer Konversation nicht folgen kann. Dass er nicht einschätzen kann, wessen er gerade Zeuge wird.

Sie lachen. Der eine lacht besonders laut. Zu laut für sein Gefühl. Für einen Moment treffen sich ihre Blicke und er schaut eilig an den dreien vorbei, so als habe er schon zuvor dorthin geblickt.

"Lachst du über mich?", denkt er. Aber der Junge hat seine Aufmerksamkeit wieder seinen Kumpanen zugewandt. Wieder lachen sie, und dieses Mal gibt es keinen Blickkontakt.

Er fühlt, er wolle aufstehen und weiter hinten im Wagen nach einem Platz Ausschau halten, um sich seines Unwohlseins zu entledigen. Wie auffällig aber ist der, der ohne jeden Grund im fahrenden Zuge plötzlich den Platz wechselt. Er fragt sich, ob es dafür eine ungeschriebene Etikette gibt. Wenn nun jemand den Platz ihm gegenüber einnähme, da ist er sich sicher, habe er ein Recht, seinen jetzigen Platz zu räumen. Zwar würde das seinem neuen Gegenüber signalisieren, er tue es dessentwegen, aber dieser wäre ja nicht der Grund, bestenfalls der Anlass. Ein willkommener Anlass, sich aus der unguten Umklammerung der Situation zu befreien. „Doch vielleicht steigen sie gleich aus“, denkt er. Das gäbe Raum zum Atmen.

Wieder kommt der Zug zum Stehen und die Türen öffnen. Nervös beobachtet er die Bewegungen am Zutritt, aber die Jungen bleiben an Bord. Sie machen lediglich einer Frau mit Kinderwagen Platz.

Während die Türen noch offen stehen, spürt er den Drang, sich selbst einen Stoß zu geben und hinaus zu eilen. Gleichzeitig überschlägt er, wann die nächste Bahn käme und ob diese ihm noch ausreiche, pünktlich anzukommen. Bevor er seinen Gedanken beendet hat, schließen die Türen und ihn ein. Die Drei lachen wieder. Laut, zu laut für seinen Geschmack.

Ein Stoß gegen seine Schulter lässt ihn erschrecken. Er blickt nach links und sieht eine voluminöse Gestalt neben sich, die sich eben anschickt, den Platz ihm Gegenüber zu belegen. Als der Mann sich setzt, bleibt um ihn herum ein unangenehmer Geruch im Raum stehen.

"Dicke riechen doch immer irgendwie", ertappt er sich in seinen Gedanken. Es ist ihm peinlich, das zu denken, er weiss sich aber im Recht. Er schaut sich kurz um, aber die Mitfahrer scheint es nicht zu stören. Oder verstellen sie sich aus Höflichkeit? Wie dankbar wäre er für einen, der ihm Mitgefühl signalisiert und Zustimmung. Aber er kann davon nichts ausmachen.

Der Dicke richtet sich ein und lässt einen alten Rucksack auf den Boden plumpsen, nur wenig neben seine eigene Tasche. Er blickt dieses Mal nicht hinunter, sorgt sich aber, dass es zwischen den beiden Beuteln Kontakt gegeben haben könnte, oder - im schlimmsten Falle - weiterhin gibt. So führt er seine Füße etwas enger zusammen, klemmt so die Tasche ein und zieht sie dann ein wenig zurück. Genau so viel, wie gerade möglich ist, ohne dass es die ganze Bank bemerkt.

Ihm ist noch immer nach Platzwechsel zumute, jetzt noch mehr als zuvor. Noch drei Stationen. Er wägt ab, ob es zu auffällig wäre, jetzt einen anderen Platz einzunehmen und dann kurz danach auszusteigen. Wer tut sowas? Muss man nicht seinen Mitmenschen - auch wenn sie riechen - eine gewisse Toleranz entgegenbringen? "Vielleicht rieche auch ich und merke es nur nicht", denkt er. Die drei jungen Männer lachen wieder. Für einen Moment hat er ihre Gegenwart verdrängt.

Die Bahn hält, Türen auf, Türen zu. Kurz nach Verlassen der Haltestelle drängt die Bahn in einen Tunnel. Es wird kurz dunkel, dann schalten sich Lampen ein. Er schaut auf sein Uhr, aber weniger um die Zeit zu prüfen, als eher um etwas zu tun.

An der nächsten Station steigt die Frau mit dem Kinderwagen aus. Er spürt, dass ihm die sichere Barriere zu den drei Fremden fehlt. Sie haben ihren alten Platz wieder eingenommen und stehen nun deutlich näher zu ihm. Wieder lachen sie und er ist sich nun sicher, dass der Laute ihn dabei auch ansieht. Hier im Tunnel, fühlt er, ist noch weniger Entkommen, als auf der freien Strecke zuvor. Er beginnt, nervös mit den Beinen zu wippen. Nicht mehr lange. Doch zu lange.

Er wippt und starrt gegen die schwarze Tunnelwand draußen, als gäbe es dort irgendetwas zu sehen. Er überlegt, ob er durch die Tür bei den Dreien aussteigen soll oder eine Tür weiter nach hinten. Er weiss nicht was sicherer ist. Kurz dreht er sich um und sieht dort zwei Frauen mit Fahrrädern stehen, die seinen Weg blockieren. Er fühlt sich ausgeliefert. Die Bahn erreicht die Station. Erst schimmert die Beleuchtung des Haltepunktes der Bahn sanft entgegen, dann durchflutet sie den Wagen.

Sie hält, er greift nach seinem Hut, springt auf, und hat das Gefühl, alles ginge viel langsamer. Er macht ein paar Schritte auf den Ausgang und die Drei zu und an diesen vorbei aus der Türe heraus. Als er auf den Bahnsteig tritt, fühlt er sich befreit und atmet tief durch. Er hört wie sich hinter ihm die Türen des Wagens zu schließen beginnen, dann ein lauter Ruf "Hey!" und ein seltsames Geräusch. Er blickt sich um. Ein Stiefel steckt zwischen den beiden Türen, die sich automatisch wieder öffnet. Panik durchflutet ihn. Also doch. Die Drei, jetzt, denkt er.

Da reckt sich ihm eine Hand entgegen, die seine Tasche hält. Er schaut an sich herunter und spürt, dass er sie vermisst. Der Laute hält sie ihm hin.

"Nicht vergessen", sagt der in klarem Deutsch mit seiner sonoren Stimme. "Ist doch sicherlich wichtig." Und dabei lächelt er.

Etwas unsicher greift er nach seiner Tasche und nimmt sie an. Für einen Augenblick nur berühren sich ihre Hände, während die Türe erneut zu schließen versucht.

"Danke", sagt er noch. Etwas zu leise für sein Gefühl.


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