Im Keller steht seit unserem Umzug hierher – vor 9 Jahren – ein Karton voller Fotos. Da ist alles drin, was ich seit Kindertagen gesammelt habe. Bilder von mir und der Familie, Bilder von Reisen und Erlebnissen, meine ersten Werke als „Fotograf“ und Bilder der Eltern von Menschen, die ich nicht kenne. Irgendwann war die Sammlung mal hübsch in Stapel sortiert, aber über die Zeit haben sich die Fotografien, Dia und Negative fröhlich gemischt. Wenn ich die Kiste im Keller sah, sprach sie zu mir: “Schau rein! Sortier mich! Du weißt, hierin ist Dein ganzes Leben.”

Ich habe die Kiste mit ins Wohnzimmer genommen und ihren Inhalt auf den Fußboden entleert, mir den Stapel angesehen und mich darüber her gemacht. Es war ein enttäuschendes Erlebnis. Ich kenne die Fotos natürlich. Ich habe sie schon oft angesehen und neue oder überraschende sind nicht dabei. Es ist die gleiche alte Sammlung.

Stapelweise Blicke in die Vergangenheit

Erinnerungen

Während ich so den Stapel Bild für Bild durchforsche, springe ich in meinen Gedanken von Ort zu Ort und Zeit zu Zeit. Aber ich entdecke keine „verlorenen“ Erinnerungen. Die meisten Fotos tragen mich zurück in eine Vergangenheit, in die ich nicht zurückkehren möchte. Meine Kindheit und Jugend war eine sehr unerfreuliche Zeit. Ich habe das alles vor einigen Jahren erfolgreich hinter mir gelassen. Ich weiß, dass alles notwendig war, um mich an den Punkt zu bringen, an dem ich heute stehe und an dem ich zufrieden bin. Aber diese Zeit ist es für mich nicht wert, mich an sie zu erinnern.

Ich entschließe mich, die Fotos zu entsorgen. Ich lasse es mir nicht nehmen, jedes einzelne Bild anzuschauen und zu prüfen, ob es ggf. noch einen Wert für mich haben kann, bevor es schließlich den Weg der Entsorgung geht, aber je tiefer ich in den Stapel vordringe, desto voller wird der Müllsack. Auch Negative landen darin, auch wenn ich weiß, dass ich mit ihnen die letzte mögliche Quelle loslasse. Aber mir fällt das leicht.

Mit jedem Bild und jedem Negativstreifen spüre ich eine Entlastung. Jedes weggeworfene Dia macht mich zufrieden. Eine Handvoll Fotos bewahre ich am Ende doch auf. Aber nur, um diese in den kommenden Tagen zu digitalisieren und dann ebenfalls loszulassen.

Die Erkenntnis

Aus diesem Abend nehme ich eine wichtige Erkenntnis mit:

Meine Erinnerungen sind zum Glück unvollständig. Viele Teile meines Lebens habe ich ausgeblendet, weil sie nicht werthaltig oder sogar verletzend waren. Die Rückblicke, die ich in meinem Geist pflege, mögen einseitig sein und sogar verzerrt – aber sie dienen mir. Mit ihnen kann ich mich in die angenehmen Zeiten meiner Vergangenheit zurück teleportieren, wenn ich das denn überhaupt möchte.

Es spielt für mich dabei keine Rolle, ob alles genau der Wahrheit entspricht. Wen kümmert das schon? War mein Opa wirklich mein Held? Oder vielleicht doch ein Haustyrann? Oder war er etwas in der Mitte? Ich weiß es nicht mehr. Aber mir dient der Gedanke, dass er mein Held war, mehr als jeder Zweifel daran. Er gibt mir einen Halt und eine Art Basis.

Es fällt mir erstaunlich leicht, die ganze Sammlung loszulassen. Ich stelle mir vor, dass ich demnächst nicht nur zusätzlichen Platz im Regal habe, aber eine Box weniger, die mir irgendwie auf dem Gewissen liegt, irgendwie um meine Aufmerksamkeit buhlt und mir damit einer Verpflichtung auflastet. Ein schönes Gefühl.

Ach ja – und neben der Fotokiste steht der Karton mit meiner Sammlung alter elektronischer Geräte. Meine ersten Mobiltelefone, die ersten kleinen Taschen-Computer (PIMs) und so ein Zeug. Dazu vielleicht später mehr.