Es ist fantastisch erleichternd, einen Zwang abzustellen, dem ich mich selbst unterwerfe, weil ich denke, anderen etwas beweisen zu müssen.

Es ist interessant, wie sehr wir Menschen – vor allem in unseren sog. zivilisierten Gesellschaften – Zwängen unterordnen, sie bereitwillig annehmen und sogar als Teil von uns selbst empfinden, obwohl genau das Gegenteil der Fall ist. Ich habe mich gestern von einem dieser Zwänge befreit und es fühlt sich klasse an.

Am Anfang ein Podcast

Immer mal wieder, wenn ich mit dem Auto ins Büro fahre, nutze ich die 30 Minuten dafür, einen Podcast zu hören. Dafür hatte ich mir The Minimalists schon vor einiger Zeit gemerkt, aber nie angehört. Die Folge Nihilism hat mir so gut gefallen, dass ich mich entschieden habe, über Patreon die Aktivitäten der beiden für eine Zeit zu unterstützen. Über die Patreon-Folge Seven Daily Habits hat mich in vielfacher Hinsicht zum Denken angeregt.

Die Folge Nihilism mit der alles begann

Wofür tue ich das eigentlich?

Mein immerwährendes – und vermutlich ewig bleibendes – Problem ist mein Gewicht. Ich habe immer das Gefühl, zu viel zu wiegen, selbst, wenn ich davon keine Einschränkungen oder gesundheitlichen Probleme spüre. weil nur Ernährungsanpassung ohne Bewegung nichts bringt, habe ich mich vor einigen Jahren dazu aufgerafft, Laufen zu gehen. Und das habe ich – mit immer neuen Pausen – bis heute irgendwie durchgehalten. Auf Strava kann man meine Aktivitäten (und Pausen) verfolgen.

In der oben erwähnten Minimalist-Folge wurden die von dem Autor Joshua Becker publizierten „Sieben Gewohnheiten, die Dein Leben für immer verändern“ diskutiert und zerlegt. Abgesehen davon, dass die Wirkung für den einen Menschen nicht beliebig auf andere übertragen werden kann, sind auch die einzelnen beschriebenen Gewohnheiten sicherlich diskussionswürdig – auch dann, wenn jeweils gegen das einzelne Thema nichts einzuwenden ist.

Bei fast jedem der sieben Diskussionspunkte ergab sich aber immer auch die Frage des „Wofür“. Es ist interessant, dass die Antwort darauf, wenn man bereit ist, sich intensiver damit zu beschäftigen, stets etwas komplizierter ausfällt, als man selbst zu Beginn denkt. Beim Thema „Exercise“ (Training) hatte ich einen kurzen Dialog mit mir selbst:

Wofür gehe ich laufen?
Um meiner Gesundheit Gutes zu tun.

Warum muss ich mich dann selbst immer so mühsam aufraffen?
Weil es halt anstrengend ist.

Warum empfinde ich es als anstrengend und nicht als anregend oder gar befreiend?

Spätestens an diesem Punkt komme ich selbst zu der Ausgangsfrage zurück. Also warum gehe ich eigentlich laufen, wenn ich es offensichtlich nicht genießen kann und es nur als anstrengend empfinde?

Für wen tue ich das alles eigentlich?

Ich könnte es mir einfach machen und sagen „Erfolg kommt nicht ohne Mühe“. Das sind aber genau die Sätze, die ich schon gehasst habe, als mein Vater sie mir intravenös gegeben hat. Inzwischen habe ich zudem die Erfahrung gemacht, dass ich immer dann erfolgreich bin, wenn ich nicht die Mühe, sondern den Spaß an einer Aufgabe primär genießen kann.

Also muss beim Laufen mehr dahinterstecken. Ich könnte auch was Alternatives tun. Lange Spaziergänge zum Beispiel. Die machen mir grundsätzlich Spaß, ich könnte dabei weitere lehrreiche Podcasts hören und würde mich nicht verausgaben. Und plötzlich kommt mir der Gedanke „Das wäre aber nicht so cool“. Wo kommt der denn her? „Laufen“ und „cool“ hatte ich bis dahin nicht bewusst verbunden.

Der nächste Gedanke schlägt in die gleiche Kerbe: „Was denken denn die anderen in meiner Strava-Community von mir?“ Laufe ich vielleicht tatsächlich für die? Oder besser, um denen was zu zeigen? Kommt das schlechte Gewissen, die ständigen Selbstrechtfertigungen meines Nicht-Laufens daher, dass ich Angst habe, meine Community würde mich schief anschauen, wenn ich mal nicht laufen gehe?

Mir haben schon diese wenigen Fragen ausgereicht, um mir darüber klar zu werden, dass ich das Laufen mit ganz anderen Zielen als der Gesunderhaltung verbunden habe – abgesehen davon, dass meine Gelenke, Sehnen und Muskeln vermutlich bei dem Gedanken laut auflachen würden, wenn sie könnten. Für mich sind Aspekte der Kategorie „Was denken die Anderen über mich“ so viel wichtiger geworden, dass ich mich dafür i.d.R. abends raus- und durch die Landschaft gequält habe.

Es ist nicht so, dass ich das Laufen und vor allem das Hochgefühl danach nie genossen hätte, aber es war immer viel mehr Arbeit als Spaß. Aber ich muss mich selbst nicht dazu zwingen, etwas zu tun, was mir keinen Spaß macht.

Und was tue ich jetzt für mich?

Mir ist damit auch wieder klar geworden, dass ich noch nicht darüber hinaus bin, mich selbst immer mal wieder über das zu definieren, was ich tue. Eigentlich ist es noch komplizierter, denn ich gehe davon aus, dass andere Menschen mich mehr über das definieren, was ich tue, denn über das, was ich bin. Das ist schon nicht mehr so intensiv, wie es noch vor einigen Jahren war, aber es poppt immer mal wieder hoch.

Obwohl meine winzige Strava-Community aus Menschen besteht, mit denen ich regelmäßig auch im dreidimensionalen Leben zu tun habe, habe ich diesen Menschen einen Blick auf mich unterstellt, der mehr über mich aussagt als selbstverständlich über sie. Das war eine gute Erinnerung daran, mir dieses Mechanismus gerne mal wieder bewusst zu werden.

Ich gehe jetzt also spazieren. Lange Strecken, weil das Spaß macht. Ich kann dabei Podcasts hören. Ich kann verlängern oder abkürzen, wie ich drollig bin, weil ich keinem etwas beweisen muss oder auch nur will. Mir geht es darum, meinem Alltag Bewegung zu geben und diese Bewegung auch noch zu genießen. Das passt auf jeden Fall viel besser zu mir. Und wenn ich mal Lust habe, Laufen zu gehen, gehe ich laufen.

Das fühlt sich wirklich gerade richtig, richtig gut an.


Foto von K. Mitch Hodge