Ein faszinierender Gedanke: Existiert ein "freier Wille" des Menschen überhaupt nicht? Ist die Grundlage unserer individuellen Existenz ein Phantom.

In Homo Deus beschäftigt sich Yuval Noah Harari u.a. mit der Frage, was es mit diesem freien Willen auf sich hat, wie er den Menschen definiert und vor allem, wo er seinen Sitz im Körper hat. Das sich der allgegenwärtige (Neo)Liberalismus darauf stützt, dass der Mensch als Individuum über einen solchen freien Willen verfügt und man ihm daher alle Freiheiten zu Entfaltung geben muss, ist diese Frage für das Verstehen des Liberalismus von entscheidender Bedeutung.

Die Wissenschaft kann aber mit allen verfügbaren Methoden weder das Vorhandensein einer Seele noch soetwas wie einen "freien" Willen attestieren. Das verwundert bei genauerem Nachdenken nicht. Schließlich ist der potentielle Wille ein Produkt der Abläufe im Gehirn. Ich überlege, ich entscheide und das nenne ich dann meinen Willen. Wie frei ist dieser Wille aber? Natürlich bin ich überzeugt, ich hätte mich auch völlig anders entscheiden können - das habe ich aber eben nicht. Aber warum?

Der Wille als bio-chemisches Konstrukt

Die Abläufe im Gehirn sind ausschließlich bio-chemischer Natur. Da werden über Synapsen Gehirnzellen verbunden, die chemische Nachrichtenstoffe austauschen. Soweit wir heute wissen, ist das der einzige Zusammenhang, der uns denken und erinnern lässt. Die gleichen Abläufe bestimmen aber auch über unsere Sinne. Unser Sehen und Hören, das Riechen, das Fühlen, der Geschmack - all das sind lediglich Nachrichten an das Gehirn, die dort über neuronale Verschaltungen empfangen und über die eigenen Erfahrungen interpretiert werden, was wir dann als Wahrnehmung empfinden.

Diese Leistung vollbringt das Gehirn völlig ohne unser bewusstest Zutun. Harari empfiehlt dazu diesen Test:

>Wenn Ihnen das nächste Mal ein Gedanke durch den Kopf geht, halten Sie inne und fragen Sie sich: "Warum habe ich diesen spezifischen Gedanken gedacht? Habe ich mich vor einer Minute dazu entschlossen, diesen Gedanken zu denken, und ihn erst dann gedacht? Oder ist er einfach in meinem Kopf aufgetaucht ohne meine Erlaubnis oder Anweisung?"

Das Gehirn macht uns zu Zuschauern bzw. zu Erlebenden. Wir erleben lediglich, was das Gehirn tut, welche Gedanken es generiert, welche Ängste es hervorbringt usw. Aber wir entscheiden uns nicht für einen bestimmten Gedanken, bevor wir ihn denken.

Unfreie Entscheidungen

Genauso wenig treffen wir frei Entscheidungen. Diese unterliegen einem komplizierten Wechselspiel von Wahrnehmung, Erfahrung, Kontext und Vision. Jeder dieser Faktoren ist für jedes Individuum anders und bringt daher unterschiedliche Ergebnisse hervor. Entscheide ich mich also, das rote Cabriolet zu kaufen und nicht den grauen Kombi, dann hat das Zusammenwirken der genannten Einflussfaktoren mich dorthin geführt. Aber ich habe nicht frei gewählt, mich so zu entscheiden.

Natürlich möchte ich mir einreden, ich sei der Herr über mich selbst und hätte jederzeit anders entscheiden können. Aber genau das hat man eben nicht getan. Aus gutem Grund vermutlich, denn die Kombination der o.g. Faktoren hat eben genau diese Entscheidung hervorgebracht.

Um diesen Zusammenhang noch etwas konkreter darzustellen, blickt Harari auf Laborraten.

Die Ratte denkt, sie handle frei

Er berichtet von Laboren in denen Ratten Elektronen ins Gehirn eingesetzt würden. Forscher können dann mit entsprechenden Impulsen die Bewegungen der ratten kontrollieren. Ob das Tier nach rechts oder links geht hängt vom gegebenen Impuls ab. Das klingt zunächst einmal grausam der Ratte gegenüber.

Man muss sich aber aus anderer Sicht fragen, was die Ratte davon bemerkt? Sie wird gar nicht unterscheiden können, ob der Impuls im Gehirn von intern oder extern kommt. Wie auch? Ihr Bewusstsein wird das Ergebnis der Gehirnleistung wahrnehmen, nämlich die Bewegung nach links oder rechts. Mit dem Blick von außen wissen wir natürlich um die Manipulation, aber die Ratte selber hat diesen externen Blick nicht.

Und wir müssen nun feststellen, dass auch wir den externen Blick auf unsere Einflussfaktoren nicht besitzen. Das ist der berühmte /blinde Fleck/, der uns den Blick auf uns selbst verbirgt. Wenn ich also das rote Cabriolet wähle, kann ich mir einreden, ich entscheide frei. Tatsächlich aber kann ich gar nicht sagen, ob nicht ein äußerer Impuls, sei es aus der Werbung  oder durch das neue Auto eines Kollegen, meine Entscheidung gesteuert hat. Ich sehe den Knöpfchendrücker nicht, sondern erlebe das Ergebnis.

Fazit

Es gibt keinen völlig freien Willen. Wille wird im Gehirn erzeugt. Und das Gehirn hat ihre Aufgabe bereits mehrere hundert Millisekunden vor unserer Wahrnehmung erledigt. Aber kein Mensch löst bewusst einen Reiz im Gehirn aus, der einen bestimmten Gedanken erzeugt.

Wer sich dieser Tatsache klar wird, kann noch ein wenig demütiger auf den Menschen und die Rolle des Menschen im Gesamtkonstrukt des Lebens auf diesem Planeten schauen.  


Yuval Noah Harari, Homo Deus - Eine Geschichte von morgen, C.H.Beck Verlag, IBSN 9-783406-727863