Das offene Loft ist lichtdurchflutet, einladend und bietet überall ausreichend Platz, um gemütlich alleine oder mit anderen zu sitzen. Der zentrale Bereich wird dominiert durch eine große Sitzgruppe, zwei immense L-förmige Sofas, die einander gegenüberstehen. An der äußeren linken Wand gibt es drei kleine, schalldichte Kabinen. Telefonkabinen, in denen man nur stehen kann, um Gespräche kurz zu halten, denn die Gespräche, die geführt werden, sollen im offenen Bereich stattfinden.

Die Wände des Loft sind mit beschreibbarer Farbe gestrichen. Überall finden sich die Ergebnisse und Mitschriften von Diskussionen oder Selbstfindungen. Zitate zieren einen Teil der Wände. "Bediene Dich Deines eigenen Verstandes" steht da z.B. Einfache Nachrichten, die bei genauerer Betrachtung deutlich tiefer gehen. Ein Teil der Wände ist mit farbigen Post-It verziert. Auf großflächige Poster hat man hier eindeutig verzichtet.

Die Menschen in dem Raum haben sich auf die verschiedenen Sitzgelegenheiten verteilt. Auf einem der Sofas liegt eine Frau, lang ausgestreckt, die Augen geschlossen. "Schläft sie?", frage ich leise. "Hoffentlich", sagt einer der Männer. "Dann verarbeitet sie, was sie die letzten Stunden recherchiert hat."

Bücherregale, die auch als Raumtrenner dienen bieten freien Zugang zu Wissen, Impulsen, Gedanken oder auch gerne kontroversen Meinungen. Zeitschriften und Notizzettel liegen auf den Tischen und zum Teil auf dem Boden herum. Es fällt auf, dass es hier keine Computer gibt. Bestenfalls Tablets sind hier zu finden, auf denen die Menschen lesen oder Notizen machen. Die Geräuschkulisse ist insgesamt gedämpft, wenn auch nicht still.

"Wir arbeiten, indem wir lesen, denken und diskutieren und verarbeiten", erklärt mir Maja, die sich in einem großen Sessel eingerollt hat. "Wir lassen soviele Impulse wie möglich auf uns wirken, um sie dann im Gespräch oder im Schreiben auszutauschen. Damit entlassen wir die Gedanken aus unseren Köpfen, um sie den anderen zum weiterdenken, zum Verwerfen oder zum Aufbewahren zu überlassen.

"Worüber denkt ihr denn so nach?", frage ich.

"Das ist völlig unterschiedlich", sagt sie. "Sabine, die dahinten auf dem Sofa liegt, beschäftigt sich gerne mit philosophischen Herausforderungen. Zuletzt hat sie sich mit dem Thema 'Was ist Wissen?' beschäftigt."

"Und das hilft, Geld zu verdienen? Ich meine, dafür seid ihr doch hier, oder?"

"Ganz am Ende stimmt das vermutlich. Aber ihren Findungsweg hat Sabine mit uns geteilt. Daraus sind für mich und Mike völlig neue Impulse entstanden. Wir widmen uns dieser Tage der Frage, was 'Geschäftsintelligenz' ist und wie man das Wissen eines Unternehmens sichtbar machen und erhalten kann. Gleichzeitig haben unsere Fragen und Einwürfe Sabine wieder auf zwei neue Ideen gebracht, in welche Richtung sie recherchieren kann."

"Ok, da sehe ich dann am Horizont schon eine technische Lösung, ein Produkt."

Die junge Frau lacht. "So ging es uns am Anfang auch. Wir haben immer versucht, bei jeder Diskussion, bei jeder Recherche ein Produkt am Ende des Tunnels zu sehen. Wir sind halt alle Kinder unserer Zeit. Leistungsgesellschaft. Alles messen und bewerten können. Heute wissen wir, dass wir damit lediglich rechtfertigen wollten, warum wir hier sind."

Ich nicke. "Dafür bezahlt man euch doch, oder?"

"Es ist für jeden von uns ein anderer Prozess, sich davon frei zu machen. Ich bin überzeugt, dass unsere Ergebnisse und Erkenntnisse die Basis für viele 'Produkte' legen können. Aber ich betrachte die Produkte nicht als unser Ziel. Wir haben immer wieder auch Kollegen aus den anderen Geschäftsbereichen hier, die sich mit uns und unseren Gedanken auseinander setzen. Und dann gilt wieder das Gleiche: Sie nehmen mit oder verwerfen - und manchmal diskutieren wir gemeinsam hier schon über eine Lösung oder ein Angebot, das sich gestalten lässt."

Für mich wird das Konzept deutlicher.

"Und die Kollegen gehen dann zurück in 'ihre Welt', frisch inspiriert und tun dann das Ihre auf dem Weg?"

"Ganz genau so", sagt Maja. "Oder aber sie bleiben gleich hier. Wie Tim. Der ist aber gerade laufen, glaube ich." Sie schaut sich im Raum um, kann den Kollegen aber nicht fnden. "Er hat hier mit uns einmal diskutiert und war dierekt am nächsten Tag wieder hier, weil er abends nicht hat schlafen können. Ihn das Gespräch mit uns so angeregt, dass sich bei ihm mehr Fragen nach den Zusammenhängen eingestellt haben, als Ideen für die Umsetzung. Nach und nach hat er dann erkannt, dass er hier seine eigentliche Stärke viel besser zur Geltung bringen und dem Unternehmen besser helfen kann. Jetzt ist er hier."

Ich stehe für einen Moment an der riesigen Glasfront, die einen Blick über den nahen Wald erlaubt. Ich spüre, wie ich in der Ruhe des Raumes und angeregt durch die Gespräche selber ans Denken komme. Ich frage mich, was hier eigentlich so anders ist, als an einem Büroarbeitsplatz - über das offensichtliche, also die Raumgestaltung hinaus. Es fühlt sich für mich an, als gäbe es hier eine fast magische Energie, die meine Gedankenflüsse anregt.

"Wie seid ihr hier denn organisiert", frage ich Mike, mit dem ich mich ein paar Minuten später in einem Sesselduo wiederfinde, bei dem wir beide nebeneinander und uns gegenüber sitzen.

"Was meinst Du mit 'organisiert'", fragt er und kichert. "Wir haben hier keine Organisation. Organisation ist das Ende von Freiheit und Kreativität. Aber Du fragst sicher nach Vorgesetzten oder sowas."

"Genau.", antworte ich ihm.

"Klar haben wir einen Manager. Der sorgt dafür, dass wir unser Geld bekommen und schaut hier ab und an mal rein, um zu sehen, ob wir haben, was wir brauchen. Und er guckt, was gerade hier so im Raum schwebt und welchen Dingen wir nachlaufen. Das war es dann aber auch schon. Ziele und sowas haben wir nicht. Das haben wir abgeschafft. Innovatives, kreatives Arbeiten kannst Du nicht in Ziele packen. Was weiss ich, wo mich meine Gedanken morgen hinführen? Und wie will ich das mehrere Monate im Voraus planen?"

"Fehlt es Dir nicht, an etwas Konkretem zu arbeiten, ein Ergebnis zu sehen?"

"Am Anfang haben wir uns damit alle etwas schwer getan. An was genau arbeiten wir hier? Wofür soll das gut sein? Womit gehe ich am Abend nach Hause? Aber jeder hat für sich gemerkt, dass jeder Tag unseren Geist ein wenig weiterbringt. Manchmal sitze ich abends zuhause und habe plötzlich einen Einfall. Und den kann ich dann mit einem Gespräch am Vormittag verknüpfen oder darauf zurück führen. Und, bumms, habe ich mein 'Ergebnis'. Es ist nicht leicht, sich davon zu lösen, sein eigenes Wirken über konkret Greifbares zu definieren und seine eigene Existenz damit zu rechtfertigen. Wir mussten hier alle erstmal unseren Platz finden."

"Ihr arbeitet also jeden Tag irgendwie ins Blaue?"

"Das würde ich so nicht sagen", sagt Mike und legt eine Denkpause ein. "Wir sind sicherlich nicht orientierungslos. Ich denke schon, dass jeder von uns auf etwas hinarbeitet. Natürlich ist unser Denken orientiert an Themen, die das Leben und die Arbeitswelt betreffen. Wir haben bei unserer Arbeit genauso unsere Kunden im Hinterkopf, wie unsere Kollegen im Vertrieb. Aber das ist eher die Grundlage, auf der wir arbeiten. Darüberhinaus schränkt uns aber niemand ein. Und es entsteht keine fixe Erwartungshaltung."

"Ich habe Tee gemacht", schallt eine Männerstimme aus der Küche im hinteren Bereich des Loft. Als ich dort rübergehe, findet ich Siegfrid, oder "Humpi" wie ihn hier alle nennen. Das Geschirrtuch über die Schulter geschwungen, steht er an der Spüle.

"Setz Dich", sagt er. "Nimm Dir einen Tee."

Ich nehme einen der Becher, der auf der Kücheninsel steht und gieße den herrlich duftenden Tee hinein.

"Macht ihr das hier immer so?", frage ich ihn. Humpi zieht einen der Stühle zu sich heran und setzt sich. Dann prostet er mir mit seiner überdimensionalen Tasse zu und mir wird sofort klar, warum man ihn "Humpi" nennt.

"Das machen wir alle hier.", erklärt er. "Jeder kümmert sich um jeden. Wir alle hier sind Tee-Trinker. Außer Maja, die braucht Kaffee. Aber den habe ich ihr auch fertig gemacht."

Ich schaue mich in der vollausgestatteten Küche um. "Kocht ihr hier auch?"

"Fast jeden Tag", erklärt Humpi, während er meinen Blicken folgt. "Wir haben festgestellt, dass unsere Essgewohnheiten und unsere Vorlieben sehr nahe beieinander liegen. Daher bringt immer jemand mal Zutaten mit und irgendwann kommen wir zusammen und kochen. Jeder, wie er mag."

"Und ihr habt einen Plan, wer wann für das Essen sorgt?", frage ich.

"Schöne alte Welt, oder? Alles durchgeplant. Jeder weiss, wann er für etwas sorgen muss. Nein, so machen wir das hier nicht. Das passiert alles spontan. Und es funktioniert. Ich bin überzeugt, dass wir eine Art Energieverbindung zwischen und geschaffen haben, über die wir - ohne, dass wir es bewusst wahrnehmen - miteinander in Kontakt sind."

Ich schaue ihn etwas fragend an. In diesem Moment kommt Maja in die Küche, um ihren Kaffee zu holen. Sie setzt sich zu uns.

"Ist er wieder auf der Energie-Spur?", fragt sie. Ich nicke.

"Das ist schon faszinierend", sagt sie. "Ich hatte da mal von gehört und das für Spinnerei gehalten. Aber Humpi hat da vermutlich irgendwo einen Punkt. Siehst Du, es gibt eben Dinge, die wir nicht erklären können. Weil uns der richtige Anpack fehlt oder einfach auch nur das Vokabular. Aber ich denke, spüren können wir das alle hier, dass uns etwas verbindet."

"Man muss sich schon ein Stück weit aus der rein-rationalen Welt lösen können, wenn man die eigentlichen Geheimnisse des Lebens entdecken will.", erklärt Humpi. "Das Spannende ist doch, dass jedes Produkt, jede Dienstleistung, die unsere Kollegen konzipieren, da draußen in der Welt auf genauso dese Geheimnisse trifft und mit ihnen in Interaktion tritt. Deswegen finde ich es total spannend, solche Dinge zu ergründen. Ist nicht jedermanns Sache hier. Und hier habe ich den geistigen Raum, das zu tun."

Maja nickt und zwinkert ihm zu.

"Auch wenn es manchmal zuerst skuril wirkt, so ist immer etwas an Impulsen darin, die jeder mitnehmen kann. Und Kaffee machen", sagt sie, "das kann er auch."

Am Ende meines kurzen Besuchs in diesem Loft glaube ich spüren zu können, wie mich diese Energie, von der Humpi sprach, berührt. Heute war ein eher ruhiger Tag, erklären mir die Menschen hier. Es gäbe auch Tage, da würden hier "die Fetzen fliegen". Es braucht nur ein Thema, das die Leidenschaft tief berührt. Leidenschaft! Jeder hier ist leidenschaftlich. Jeder hier will lernen. Das habe ich in jedem meiner Gespräche gemerkt. Und jeder hier steht zu 100% hinter dem eigenen Unternehmen, in das sie alle eingebunden sind. Die Freiheit und die Möglichkeit, die eigenen Stärken in diesem Umfeld entfalten zu können, inspiriert sie jeden Tag neu.

Und sie binden in bemerkenswerter Weise diejenigen ein, die auf der Suche sind nach Lösungen, Produkten, Angeboten für die Kunden. Sie haben einen Blick auf die Arbeitswelt und existieren daher frei, aber doch nicht losgelöst von dem Unternehmen.

"Wenn die mir hier ein Bett reinstellen würden, dann würde ich hier sicherlich hin und wieder auch schlafen, um in einem Gedanken oder einem Gefühl, das noch gehört werden will, Zeit und Raum zu geben", hat mir Maja erzählt. Nach meinem Besuch hier weiss ich genau, was sie meint.