Gar nicht mal so einfach. Nachdenken über das Wesentliche im Leben. Das “höhere sinnstiftende Element”, wie es mein Freund Dietmar Schüller nennt. Der Faktor also, der mein Leben aus meiner Sicht zu einem Baustein der Menschheit macht. Er mag winzig klein sein, aber als Steinchen immer von Bedeutung.

Ich habe mir seit Jahren so meine Gedanken zu den Dingen und Geschehnissen im Leben gemacht. Ich habe das große Geschenk bekommen, mein eigenes Leben in aller Ruhe und Zeit anschauen und reflektieren zu können. Für mich durfte ich herausfinden, dass mein gelebtes Leben nicht mein gewünschtes Leben war. Viele Menschen haben bei allem gesellschaftlichen Druck dazu gar keine Chance.

Seit Jahren suche ich danach, irgendwo etwas Besonderes zu sein. In irgendeiner Nische und sei sie auch noch so klein. Ich wollte eine Stimme haben, wollte gehört und reflektiert werden. Ich habe nach dem Widerspruch anderer gesucht, um mich entwickeln zu können, um dann wieder etwas Neues beizutragen. Aber ich habe diese Nische nie gefunden.  Einerseits, weil ich mich eher von anderen begeistern lasse und auf deren Ideen weiterdenke. Andererseits aber auch, weil ich irgendwie keinen roten Faden finde, an dem ich entlang denke und entwickeln könnte. Dafür interessiert mich einfach viel zu viel.

Leben im Detail und Surfen an der Oberfläche

Schon in meiner langen Zeit in einem amerikanischen IT-Konzern habe ich die Menschen bewundert, die die kleinsten Details von Themen kannten, die mich entführen konnten in eine Welt, die ich nie gesehen hatte. Häufig haben sie mich in diesen Detailwelten verloren, weil ich so tief unter der Oberfläche scheinbar nicht mehr atmen kann. Vielleicht ist das auch der Grund, dass sich diese Welten tief tief im Detail — so faszinierend sie auch sind — mir nie erschlossen haben.

Da bin ich eher Generalist. Ich surfe auf der Oberfläche und genieße den weiten Horizont. Da kann ich all die Themen sehen, die für mich interessant und spannend sind, die mir nahe gehen, mich triggern und mich locken, tiefer in sie hinabzutauchen. Manchmal mache ich das auch. Dann buddel ich mich in den Boden und finde z.T. Wertvolles auf dem Weg ins Detail. Aber ich baue nie etwas aus. Ich grabe nie eine Höhle, in der ich es mir gemütlich mache und mich aufhalten kann. Ich spüre irgendwann, dass ich wieder nach oben will und mir die Aussicht an der Oberfläche fehlt.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich nicht so einfach auf ein Thema festlegen kann, wenn man mich fragt, womit ich mich beschäftige. Auch deswegen ist es vermutlich für mich schwer, gehört zu werden, weil ich immer denke, dass nur der, der in der Tiefe lebt und wirkt, etwas zu sagen hat. Der der oben “nur” den Überblick hat, kann ja nicht viel zu einer Sache berichten. und der Überblick scheint mir dann auch nicht sonderlich berichtenswert. Glaube ich. Aber ich empfinde eine unglaubliche Freude dabei, wenn sich die Themen, die ich von der Oberfläche kenne und bis zu einer bestimmten Tiefe erfahren habe, verbinden. Wenn Dinge beginnen, logisch zusammen zu hängen.

Abschied nehmen

Deswegen habe ich mich zuletzt zurückgezogen. Ich nutze Soziale Medien nicht mehr, um mir ein Gesicht, ein Gehör und Wahrnehmung zu verschaffen, sondern, um für mich zu lernen. Ich habe wieder meine Kontaktlisten ausgemistet und nur jene behalten, die ich für mich als wertvoll betrachte. Ich lerne damit besser und fokussierter. Das Gelernte werde ich verarbeiten, in mein Leben einbringen und mit den Menschen teilen, die um mich herum sind. Aber ich werde keine Bücher schreiben, nicht mal mehr auf irgendwelche Veranstaltungen gehen, wenn sich alles nur darum dreht, andere auf dem Laufsteg ihrer Themen zu bewundern.

Für mich ist das ein Abschied von einer Vision von meiner selbst. Ich fand die bisher gut, habe aber gespürt, dass ich mich sehr anstrengen und verbiegen muss, um ihr gerecht zu werden. Die Lehre daraus ist, dass ich das nicht bin. Ich bin kein Buchautor und nicht einmal ein Autor von Fachartikeln. Ich bin kein Vordenker, kein Creative Thinker oder sowas. Jetzt bin ich nur noch gespannt darauf, wer ich stattdessen werde. Stay tuned.