Jeder Mensch empfindet sich als das Zentrum des Universums und dieses Universum als die Wahrheit dessen, was ist. Das ist nicht einmal eine Frage der eigenen Einstellung und Überhöhung, sondern eine durch unsere Sinne verursachte Wahrnehmung. Was immer unsere Augen sehen oder unsere Ohren hören, ist um uns herum angeordnet. Wenn wir uns um uns selbst drehen, liegt uns alles zu Füßen.

Dazu kommt, dass wir natürlich von uns selbst den besten Eindruck unseres Innenlebens haben. Wir wissen stets genau, was in uns los ist. Bei anderen Menschen haben wir diesen Einblick nicht und sind auf die Eindrücke angewiesen, die unsere Sinne uns liefern. Wie sieht eine Person aus? Wie hört sich ihre Stimme an? Wie riecht sie?

Ich sehe was, was Du nicht siehst

Wie kommt es aber dazu, dass Menschen in der Regel eine unterschiedliche Sicht auf andere Menschen haben?

Er ist schon ein ziemlich kleiner Mann, oder?

Finde ich nicht. Für mich ist er recht groß gewachsen.

Wir haben normalerweise keinen Zugriff auf die Rohdaten, die unsere Sinne uns liefern. Alles, was unsere Augen und Ohren aufnehmen, wird blitzschnell durch verschiedene Instanzen in unserem Gehirn geleitet. Im Zusammenspiel verarbeiten diese Instanzen die Informationen vor und geben nur eine persönliche Variante dessen an uns weiter, was wir hören, sehen, schmecken. Grundlage dieser Varianten sind unsere Werte und unsere Erfahrungen.

Was immer wir wahrzunehmen glauben – und damit als Wahrheit zu erkennen –, ist tatsächlich nur eine Variante, die die Instanzen in unserem Gehirn uns vorgekaut haben. Weil wir aber alle Individuen sind, arbeiten unsere Verarbeitungsinstanzen völlig unterschiedlich und liefern auch völlig unterschiedliche Resultate, Varianten. Daher haben verschiedene Menschen auch unterschiedliche Eindrücke von dem gleichen Ding.

Abstrakte Form - individuelle Wahrheit

Bild: Reiner Knudsen – Was sehen Sie?

Werte aus der guten alten Zeit

Die Mechanik unserer Verarbeitungsinstanzen stammt aus einer Zeit, als unsere Vorfahren noch in Höhlen lebten und von der Wildnis um sie herum ständig bedroht waren. Kam also einer von ihnen mit seiner Axt und seiner Keule um eine Ecke und erblickte ein Tier, dass ihn seinerseits anstarrte, hatte der Vorfahre keine Zeit zu verlieren. Innerhalb von Sekundenbruchteilen musste klar sein, ob da ein Hase saß oder ein Säbelzahntiger — und damit in welche Richtung der Vorfahre rennen musste.

Heutzutage geht es viel seltener um unser Leben, aber dennoch fühlen wir uns immer wieder bedroht. Jetzt aber fürchten wir um unseren Status, unser Geld oder unser Ansehen. Also aktivieren wir unbewusst unseren Bedrohungsscanner, wenn wir einen anderen Menschen sehen. Das Bild jagen wir durch die Verarbeitungsmaschine und bekommen einen Eindruck. Wir wissen sofort, ob uns Gefahr droht. Oder möglicherweise doch nicht?
Unser Bewertungssystem nimmt das vom Auge aufgefangene Bild und vergleicht es mit den Erinnerungen in unserem Gehirn.

Im Kortex schaut der eher analytische Teil des Gehirns auf die Informationen (vom Auge) und fragt sich ‘Müssen wir uns Sorgen machen?‘ während er in den Erinnerungen kramt, um herauszufinden, ob uns etwas Ähnliches zuvor bereits über den Weg gelaufen ist.

Dean Burnett — The Idiot Brain

Sehen wir einen großen, schwergewichtigen, dunkelhaarigen Mann mit großem, dichtem Bart, so kann das die einen in Angst versetzen, weil der Typ genauso aussieht wie das düstere Mitglied einer Motorrad-Gang. Die anderen dagegen sind vielleicht verzückt, weil der Mann sie an ihren Opa erinnert. Es ist also nicht die Person selber, die das Empfinden steuert, sondern einzig unsere persönliche Beurteilung.

Sobald wir allerdings Angst empfinden, wird unser Gehirn den Alarmzustand auslösen und diesen Moment in unseren Erinnerungen speichern: ‘großer Mann mit Bart bedeutet Angst‘. Beim nächsten Mal wird diese Erinnerung um eine Erfahrung stärker sein. Genau so entstehen Phobien.

Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet

Matthäus‬ ‭7:1‬

Das eigentliche Problem bei dem Ganzen ist, dass unsere Reaktionen durch unseren Gefahrenscanner gesteuert werden. Wir reagieren dann auf einen lediglich persönlichen äußerlichen Eindruck, ohne vollständiges Detailwissen. So kommt es, dass Menschen manchmal aggressiv werden, ohne dass wir dafür einen Grund sehen – ihr Gefahrenscanner hat angeschlagen, während der unsrige u.U. weiterhin schlummert. Deswegen mögen wir manchmal Menschen einfach nicht, ohne dass wir erklären könnten, warum.

Wenn wir ängstlich sind, gehen wir in den Abwehrmodus. Unser Gehirn löst automatisch den „Flucht oder Kampf“-Mechanismus (Fight or Flight) mit all seinen Konsequenzen aus.

Wahrheit? Erstmal eine neue Sicht einnehmen

Bild: Pexels.com – Eine neue Sicht einnehmen

Aber sind wir dem ausgliefert? Haben wir keine Alternative? Die gibt es tatsächlich. Was wir dafür brauchen ist Aufmerksamkeit, eine gute Bremse und Achtsamkeit.

1. Aufmerksamkeit

Wir können nichts verändern, wenn wir nicht merken, wann wir reagieren. Wir müssen also spüren, dass etwas in uns passiert und wir dabei sind, die immer gleiche Reaktion zu erleben. Es braucht ein wenig Übung, um das hinzubekommen.

2. Bremsen

Wenn wir dann in unserem Kopf laut und deutlich Stop! sagen können, ist der erste Schritt getan. Stop! Wir unterbrechen den Automatismus. Wir leiten die Information vom Auge zunächst um oder speichern sie zwischen. Es gilt, jetzt nicht in alte Muster zu verfallen. Nehmen Sie sich diese Pause!

3. Achtsamkeit

Jetzt können wir beobachten, was gerade passiert. Was macht mich jetzt gerade wütend oder flöst mir Angst ein? Was läuft gerade falsch? Liegt es an mir? Falls nicht, woran liegt es dann? Auch das braucht ein wenig Übung. Aber Sie werden lernen, was sich hinter ihrem Empfinden verbirgt, welche Erinnerungen hier gerade angezapft werden und welches Bedürfnis Aufmerksamkeit braucht.

Mein persönliches Erleben

Viele Jahre lang habe ich Obdachloe Menschen als unheimlich, unberührbar, ja sogar als wertlos empfunden. Es hat mich viel Zeit gekostet, zu verstehen, dass mich diese Menschen nur deswegen zu bedrohen schienen, weil ihr Leben mich daran erinnerte, dass meines in genau der gleichen Lage hätte münden können. Sie waren für mich ein Ich, das ich nicht sehen wollte und das für mich eine Bedrohung meines Selbstbildes darstellte.

Mit dieser Erkenntnis begannen sich meine harten Gefühle zu verflüchtigen. Heute kann ich Obdachlose als Menschen in Not sehen und wahrnehmen. Bitte verurteilen Sie mich dafür nicht.

Auch heute noch brauche ich selber immer wieder Aufmerksamkeit, Bremse und Achtsamkeit, wenn ich anderen Menschen begegne. Ich versuche, mir immer wieder klarzumachen, dass mein Bild von anderen keineswegs eine Wahrheit darstellt und lediglich von meinen eigenen Erinnerungen kreiert wird.

Menschen sind Menschen und wir selber sind eben, wie wir sind — völlig unabhängig davon, was andere Menschen in uns zu sehen glauben.


Blogger, Coach, Consultant, Mediator und Psychologischer Berater.
Social Business Evangelist, Experte für achtsame Führungsmodelle, Cultural Change Manager, Werte durch Werte, Working out Loud

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