Als ich die Fahrertür unseres Wagens öffnete und diese gegen das neben mir geparkte Fahrzeug stieß, durchfuhr mich ein Schreck. Genau das will man ja gar nicht: Ein anderes Auto beschädigen. Dessen Besitzer war nun ebenfalls erschrocken und kam um das Fahrzeug herum gelaufen. Ich versuchte, das Ganze herunterzuspielen, was ihn wütend machte. Schließlich bestand er darauf, für einen winzigen Schaden die Polizei zu rufen, was er dann auch tat. Ich stand anschließend grinsend und betont belustigt neben meinem Wagen und ließ ihn spüren, als wie lächerlich ich die ganze Situation empfand.

Mit dem Abstand von einem Tag und der Betrachtung meines eigenen Verhaltens habe ich gemerkt, dass ich mit einem anderen Verhalten die ganze Lage selber hätte problemlos de-eskalieren können. Aber ich habe stattdessen bewusst auf Konfrontation gesetzt — möglicherweise in der Hoffnung, mein Gegenüber damit zu beeindrucken. Als das nicht gelang, habe ich versucht ihn dazu zu bringen, sich lächerlich zu fühlen.

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Bild: mooshny

Unsere Ur-Strategien bei Stress

Ausgangspunkt des Ganzen war ein Schrecken, der — weil ich mich voll in ihn begeben habe — zu Stress und Angst führte. Das ist nicht diese Angst, die von Zittern und Schweissausbrüchen begleitet wird, sondern lediglich das Gefühl, hilflos in der gegebenen Situation zu sein.

Unser Stammhirn (also quasi unser “Instinkt”) stellt uns dafür zwei Strategien zur Verfügung, die im Englischen sehr passend “Fight or Flight” heissen, übersetzt also: “Kämpf oder Flieh”. Wann immer wir einer ungewohnten Situation gegenüberstehen, der wir uns — und sei es nur für einen Moment — nicht gewachsen fühlen, bereitet unser Instinkt uns körperlich auf beide Szenarien vor. Er schüttet Adrenalin aus, pumpt mehr Blut in die Muskulatur, schärft unsere Sinne und unseren Fokus.

Zu Zeiten, als wir noch vor Wildtieren standen und uns entscheiden mussten, ob wir den Kampf aufnehmen oder lieber rennen sollten, waren das genau die Vorbereitungen, die wir brauchten. Sie gaben uns zwei wichtige Überlebensszenarien an die Hand — unabhängig davon, wie erfolgreich der Einzelne darin jeweils war.

Unsere Stress-Strategien heute

Der Mensch hat sich evolutionär weiterentwickelt und wir selber verstehen uns inzwischen als das höchstentwickelte soziale Lebewesen auf diesem Planeten. Aber die Instinkte der Urzeit leben in uns weiter. So gilt auch das Grundprinzip “Fight or Flight” weiterhin. Kaum jemand von uns gerät aber noch in Lebensgefahr. “In Wirklichkeit ist eher unser Ego bedroht”, schreibt Jon Kabat-Zinn dazu. Dennoch folgen wir der grundsätzlich gleichen Leitlinie, aber wir leben unsere Reaktionen u.U. anders aus.

Wenn wir kämpfen, dann fliegen gelegentlich die Fäuste. Aber auch ohne körperliche Auseinandersetzung versuchen wir, den anderen zu besiegen — z.B. verbal oder durch Erniedrigung, so wie ich seinerzeit auf dem Parkplatz oben. Wenn Menschen kein Gegenüber haben, sondern sich mit sich selber auseinandersetzen müssen, dann neigen sie sogar zu Selbstschädigung.

Wenn Menschen fliehen, dann entziehen sie sich der Situation, der sie sich eigentlich stellen sollten. Dazu müssen sie nicht körperlich wegrennen. Auch das Ignorieren von problematischen Situationen stellt so eine Flucht vor der Realität dar; Kopf in den Sand. Drogen, Alkohol und ähnliche Dinge sind andere Medien für’s Davonlaufen.

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Reagieren oder antworten?

Es wird i.d.R. schnell deutlich, dass Kampf oder Flucht keine Lösung im Umgang mit Angst oder Stress bringen. Die urzeitlichen Reaktionsmuster sind für unsere Gegenwart also nur sehr bedingt hilfreich. Kabat-Zinn macht an dieser Stelle die schöne Unterscheidung zwischen “reagieren” (s.o.) und “antworten”.

Die Antwort ist kein Impuls. Sie bedarf einer Reflexion. Um in Krisen nicht impulsiv zu reagieren, müssen wir uns zunächst zurücknehmen können. Stop! Dann schauen wir uns die Situation und auch das eigene übliche Reaktionsmuster in Ruhe an. Warum empfinde ich Stress oder Angst? Hilft mir mein Instinkt jetzt gerade? Oder bedarf es etwas Anderem? Warum reagiere ich jetzt gerade, wie ich reagiere? Steckt dahinter vielleicht etwas, was ich gerade nicht sehe?

Wenn wir uns diese Achtsamkeit gönnen, sehen wir schnell mehr, als uns der Tunnelblick genehmigt, den wir bei Angst oder Wut entwickeln. Wir können eine Situation aus anderer Sicht beobachten. Es wird möglich, unseren eigenen Anteil zu erkennen und unser eigenes Gefühl zu reflektieren. Die Antwort ist dann viel eher auf die Lösung einer Situation fokussiert, als auf das Ausleben unserer Instinkte.

Achtsamkeit lernen

Diese Achtsamkeit kann jeder lernen. Sie ist eine Lebenseinstellung, eine “Seinsweise”, wie Kabat-Zinn sie bezeichnet. Wir lernen, uns und unsere Umwelt zu beobachten, ohne sie — wie wir es so gerne tun — zu bewerten. Wir zentrieren uns hier und jetzt, nicht in der Vergangenheit und auch nicht in der Zukunft. An diesem Punkt beobachten wir uns und was um uns herum geschieht. Dann erweitert sich der Blick und die Erfahrung des Moments wird reicher.

Mit den Mitteln der Achtsamkeit hätte ich die oben beschriebene Situation völlig anders gelöst. Ich hätte mich wahrgenommen und mich wertschätzend betrachtet, ebenso wie mein Gegenüber. Ich hätte erkannt, dass “Kampf” nichts zur Lösung beiträgt und nach einer Antwort gesucht. Hätte ich meine Angst und Nervosität achtsam angeschaut, wäre mein Blick weiter gewesen.


Blogger, Coach, Consultant, Mediator und Psychologischer Berater.
Social Business Evangelist, Experte für achtsame Führungsmodelle, Cultural Change Manager, Werte durch Werte, Working out Loud

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